, dass ich mich durch den Genuss von Extraspeisen und
Delikatessen vor ihnen auszeichnen müsse. Was sie hatten und aßen, das hatte und
aß auch ich, und da ich diesen Grundsatz auch in jeder andern Beziehung
verfolgte, so bin ich mit ihnen stets, auch ohne Tropenkoller, sehr gut
ausgekommen.
    Als wir den Morgenkaffee zu uns genommen hatten, durften wir an unsern
Aufbruch denken; vorher aber hatten wir das zu tun, was zu tun wir uns durch
die Malice el Ghanis gezwungen sahen: Wir mussten die Leiche des Münedschi
vollends mit Sand bedecken, wenn wir uns nicht einer ganz unverzeihlichen
religiösen Unterlassungssünde schuldig machen wollten. Es wurden einige
Haddedihn damit beauftragt, denen Halef befahl, es nicht bloß bei dem einfachen
Zudecken zu lassen, sondern einen hohen und möglichst festen Grabhügel
aufzubauen, damit die Geier dann nicht zu der Leiche könnten. Meiner alten
Gewohnheit folgend, mich womöglich um alles selbst mit zu bekümmern, ging ich
mit diesen Leuten nach der Stelle, wo die Mekkaner ihren Toten liegen gelassen
hatten; Halef war auch dabei.
    Der Körper der Leiche war im Sande eingegraben, der Kopf noch nicht; das
Gesicht hatte man mit einem Zipfel des Gewandes bedeckt. Ich schlug diesen
Zipfel zurück.
    »Allah w' Allah!« sagte Halef. »Welcher Ausdruck der Ehrwürdigkeit! So wie
diesen Mann habe ich mir die Propheten vergangener Jahrhunderte vorgestellt!«
    Er hatte recht; es ging mir grad so wie ihm. Ich hatte wohl noch selten ein
so schönes, Ehrfurcht gebietendes Greisenangesicht gesehen, noch jetzt, im Tode,
schön!
    »Er hat nicht das Aussehen eines Toten, sondern eines Schlafenden,« fuhr
Halef fort, »eines Schlafenden, der von Allahs Himmel träumt. Sieh, wie er selig
lächelt!«
    Es ist nach meinen Erfahrungen mit diesem sogenannten »seligen Lächeln« der
Verstorbenen eine ganz eigene Sache, denn ich habe es am ausgeprägtesten, am
ergreifendsten bei Personen gefunden, deren Ende ein gewaltsames gewesen war.
Ich habe in den Zügen im Kampfe Gefallener kurz nach ihrem Tode den
sprechendsten Ausdruck des Hasses, des Grimmes, der Angst, des physischen
Schmerzes gesehen, und dann wahrgenommen, dass dieser Ausdruck sich sehr bald in
denjenigen der Milde, der Ruhe, des Friedens verwandelte. Und wiederum sah ich
Leute so sanft und kampflos hinüberschlafen, dass ich mir wünschte »so möchte
einst auch dein Tod sein!«, und dann nahmen ihre Gesichter nach und nach das
Gepräge seelischer Angst oder körperlicher Pein, des Leidens an. Sollten die
Affekte oder Stimmungen, welche im Augenblicke des für uns sichtbaren Sterbens
vorherrschend sind, nur deshalb keine nachhaltige Wirkung hinterlassen, weil die
eigentliche Trennung der Seele von dem Körper erst später, von uns unbemerkbar
