 Ich bin ja auch kein Orientale, und das Leben hat
mich gelehrt, allem, was mir unbekannt erscheint, zunächst kühl und forschend
gegenüberzutreten; aber das, was wir erst von Ben Nur und nun von dem Perser
gehört hatten, kam mir denn doch nicht wie das ausschliessliche Produkt eines
kranken Gehirns oder wie die innere Folge eines äußerlichen Druckes auf die
Herzgegend vor. Der Gelehrte wird zwar da gleich von Krankheit sprechen. Ja,
krank war der Münedschi; das ist nicht zu leugnen, und den Basch Nazyr hatte gar
eine Kugel hingestreckt: aber der letztere war nach seinem Erwachen aus der
Ohnmacht geistig völlig gesund und klar, und was den ersteren betrifft, so gibt
es mehr als genug Gelehrte, sogar echte, richtige Zunftgelehrte, welche
behaupten, es sei nicht durchgängig wahr, dass eine kräftige Seele nur in einem
kräftigen Körper wohnen kann, sondern es habe sich umgekehrt sehr häusig
erwiesen, dass die Seele erst und grad dann ihre Kräfte und Tätigkeiten
entfalten könne, wenn die körperlichen Banden, in denen sie gefesselt ist,
schwach und darum weniger hinderlich geworden sind.
    Was unsere Gefangenen betrifft, so hatten auch sie alles gesehen und alles
gehört. Das Erwachen des Persers hatte bei ihnen gewiss dasselbe Erstaunen
hervorgebracht wie bei uns. Höchst wahrscheinlich freuten sie sich nun
desselben, denn sie glaubten wohl, der Umstand, dass die Kugel unschädlich
gewesen sei, müsse uns zur Milde stimmen. Gesagt aber hatte keiner von ihnen
etwas, kein einziges Wort. Der Münedschi saß mit geschlossenen Augen bei ihnen;
er rührte sich nicht, und wenn er ja einmal eine Bewegung machte, so war es
diejenige des Rauchens, obgleich er seine Pfeife nicht in den Händen hatte. Was
mit ihm geschehen werde, das hing ganz von dem Schicksale seiner Mekkanischen
Gefährten ab.
    Dem Perser konnte ich in unserer gegenwärtigen Lage nur eine kalte Kompresse
raten, welche von Zeit zu Zeit erneuert wurde. Er war schon sonst ein ernst
angelegter Mann; jetzt nun schien sich dieser Ernst verdoppelt zu haben, und ich
will gleich bei dieser Gelegenheit bemerken, dass während unsers ganzen, späteren
Beisammenseins nur sehr selten ein Lächeln auf seine Lippen kam. Die Wirkung der
»Wage der Gerechtigkeit«, welche er, so oft er von ihr sprach, eine entsetzliche
nannte, war keine vorübergehende bei ihm.
    An der Beratung über die Strafe, welche die Schuldigen treffen sollte,
hatten folgende Personen teilzunehmen: Halef, Kara, der Perser, Omar Ben Sadek
und ich. Es galt vor allen Dingen, festzustellen, wer sich an dem Kampfe gegen
die Soldaten beteiligt hatte. Khutab Agha behauptete, gesehen zu haben, dass
nicht bloß die Beni Khalid, sondern auch die Mekkaner geschossen hätten. Um sich
Gewissheit
