
mit meinem Herzen umfange. Ich tue das Gute und verabscheue das Schlechte, aber
ich hasse nicht die Person dessen, welcher schlecht handelt. Es ist mein
eifrigstes Bestreben, ein Kind Allahs zu sein, und ich hege den aufrichtigen
Wunsch, in diesem Sinne alle Menschen als meine Brüder und Schwestern behandeln
zu dürfen. Hoffentlich ist das die Liebe, welche du meinst!«
    »Nein, sie ist es nicht. Du sprichst vom Bestreben, vom Befleissigen, vom
Wünschen, hast also das noch nicht, was du erstrebst und wünschest. Die wahre
Liebe hofft nicht und wünscht nicht, denn sie ist ja an sich schon die
Erfüllung, die ausgeführte, volle Tat. Sie ist die einzige Macht, die einzige
Kraft im Himmel und auf Erden. Nenne mir die Namen aller scheinbar andern
Kräfte, sie sind doch nichts als nur verschiedene Erscheinungs- oder
Wirkungsformen von ihr. Die Liebe hört nie auf. Sie hat keinen Anfang und kein
Ende, sowohl in räumlicher als auch in zeitlicher Beziehung; also kann es außer
ihr nichts anderes geben. Sie erfüllt das Sonnenstäubchen und den Weltenraum,
die kurze Sekunde des irdischen Zeitmasses und auch die ganze Ewigkeit. Sie lässt
sich nicht einteilen in Eltern-, Kindes-, Gatten-, Freundes- und allgemeine
Menschenliebe. Wer sie so zerstückeln zu können meint, dem ist sie unbekannt.
Unser Erkennen und unser Weissagen ist solches Stückwerk, vor der Liebe aber,
die das Vollkommene ist, hört jedes Stückwerk auf.«
    Das war ja eine fast wörtliche Anführung aus dem herrlichen dreizehnten
Kapitel des ersten Korinterbriefes! Dass er, der Moslem, die heilige Schrift
citierte, durfte ich nicht ohne Bemerkung vorübergehen lassen, sondern ich musste
ihn zwingen, sich zu ihr zu bekennen. Darum fragte ich schnell:
    »Ist das deine eigene Ansicht oder steht es im Kuran geschrieben? Ich habe
es nicht da gefunden.«
    »Es ist eine Stelle aus dem heiligen Buche der Christen,« antwortete er.
    »So ziehst du also die höchste und schönste aller Lehren nicht aus dem Werke
Muhammeds, sondern aus dem Kitab el mukaddas?91«
    »Ja. Doch darf das für dich kein Grund sein, an meiner Rechtgläubigkeit zu
zweifeln, denn Muhammed hat selbst oft auch aus diesem Kitab geschöpft, und wenn
ich das auch tue, so folge ich nur seinem Beispiele, welches er uns für die
Erkenntnis der Vollkommenheit gegeben hat. Für uns, die wir nicht so erleuchtet
sind, wie er es war, besitzt sein Kuran zahlreiche Lücken, welche nur mit den
Wahrheiten der Bibel auszufüllen sind.«
    »So ist also die Vollkommenheit, von welcher du sprichst, nicht aus dem
Kuran, sondern aus der Bibel zu schöpfen?
