 kleine Weiberbosheit abzuschiessen.
    »Wo bleibt Nummer zwei?« dachte er und wartete. Allein er wartete
vergeblich; wenigstens einstweilen.
Über ihm, jenseits der Mauerkrone der Terrasse, ging es zu wie in einer
Volksszene auf dem Theater. Eine grüne Bühne voll Menschen und kein Leben. Eine
Menge von Köpfen, behutete und barhäuptige, bärtige und glatte, männliche und
weibliche, lugten über die Rampe, wie abgeschnitten und zum Verkauf ausgestellt.
Und alle, ohne Unterschied, Stadtvolk wie Landvolk, schnitten wichtige
Gesichter, um für bedeutend zu gelten. Es fehlte zur vollendeten Stumpfheit bloß
noch ein Jägerchor. Obgleich sie sämtlich zu schweigen schienen, erhob sich doch
aus ihrer Mitte ein Getöse wie von hundert schwatzenden Stimmen. Dazwischen
schossen die Kellnerinnen unwirsch kreuz und quer, verfolgt von den grimmigen
Blicken des Alten, der ihnen, wenn er ihnen nahekam, was freilich bei seiner
Schwerfälligkeit nur durch Wegelagerei gelang, verstohlen einen schimpflichen
Ausputzer zuraunte, zwischen zwei süsslichen Lächeln an die Gäste. Die einen von
ihnen wischten sich hastig die Augen, ehe sie ihre Ballettänzerfreundlichkeit
wieder gewannen, andere maulten wütend vor sich hin. Helene drückte jedesmal
beim Vorbeigehen einen neidischen Blick wegen der Radler gegen Josephine ab.
Anna, welche im Gewühl besonnen der Ordnung wartete, sah oft zu ihm herunter,
tat aber, als ob sie ihn nicht erkennte. Neben ihr auf einer Bank kauerte ihr
Doktor in blauer Militäruniform, der sie unverwandt anstarrte. - Sooft die
Tanzmusik anhob, mit quiekenden Klarinetten, kreischend und hustend, hefteten
sich sofort alle Blicke an die Fenster des Tanzsaales, ausdruckslos und träge.
Beim Schmettern der Trompete verhielten sich die Stadtfrauen die Ohren.
    Ob sie nicht ebenfalls lieber in die Matte herunterkommen wollten, riefen
die Radler ihren Bekannten zu, mit übermäßigen Gebärden. Es sitze sich hier im
saftigen Grase angenehmer und man werde weniger von dem Tanz-Gedudel belästigt.
    Jene gehorchten geräuschvoll der Einladung, und als ob das ein massgebendes
Beispiel gewesen wäre, brach allsofort ein weiteres Häufchen von der Terrasse
auf, um sich unten niederzulassen. Andere folgten wieder ihrem Vorbild, so dass
der Umzug allmählich in eine förmliche Auswanderung ausartete. Ein Tisch nach
dem anderen mit Dutzenden von Stühlen musste in die Matte geschleppt, eine
zweite, hierauf eine dritte Kellnerin Josephine zur Aushilfe beigeordnet werden.
    Die Durchbrechung der hergebrachten Platzregel aber, mit ihrer Unordnung,
mit ihren Zwischenfällen, wie sie Unvorhergesehenheit und Ratlosigkeit im
Gefolge zu haben pflegen, bewirkte eine knabenhafte Ferienstimmung, so dass die
Gesellschaft ihre lästige Leichenfeierlichkeit verabschiedete und sich freier
Fröhlichkeit hingab. Während das Landvolk diese hauptsächlich durch steiferen
Trunk betätigte, hielten sich die stubenmüden Städter mehr an die Geschenke der
Natur. Vor allem die unscheinbare Quelle, die aus der Matte rieselte,
