
        
                                 Karl Spitteler
                              Konrad der Leutnant
                           Vorbemerkung des Verfassers
Unter Darstellung verstehe ich eine besondere Kunstform der Prosa-Erzählung mit
eigentümlichem Ziel und mit besonderen Stilgesetzen, welche diesem Ziel als
Mittel dienen. Das Ziel heißt: denkbar innigstes Miterleben der Handlung. Die
Mittel dazu lauten: Einheit der Person, Einheit der Perspektive, Stetigkeit des
zeitlichen Fortschrittes. Also diejenigen Gesetze, unter welchen wir in der
Wirklichkeit leben.
    Mit erläuternden Worten: Die Hauptperson wird gleich mit dem ersten Satz
eingeführt und hinfort nie mehr verlassen. Es wird ferner nur mitgeteilt, was
jene wahrnimmt, und das so mitgeteilt, wie es sich in ihrer Wahrnehmung
spiegelt. Endlich wird die Handlung lebensgetreu Stunde für Stunde begleitet, so
dass der Erzähler sich nicht gestattet, irgendeinen Zeitabschnitt als angeblich
unwichtig zu überspringen. Aus dem letzten Gesetz ergibt sich wiederum die
Notwendigkeit, die Handlung binnen wenigen Stunden verlaufen zu lassen.
    Selbstverständlich eignet sich nicht jeder Stoff zur Darstellung, im
Gegenteil, von Fragmenten abgesehen und Irrtum vorbehalten, bloß eine einzige
Gattung von Stoffen, nämlich die gedrängten und geschlossenen (dramatischen). Ja
sogar unter ihnen nur solche, die es erlauben, auf ungezwungene Weise sämtliche
wichtigen Motive unmittelbar vor der Entscheidung vorzuführen. Der Faden wird
dann kurz vor der Entscheidung angefasst und nach dem Willen der Wahrheit
gesponnen. Erweist sich bei dunklen (tragischen) Stoffen mit großer Personenzahl
nach dem Tode der Hauptperson noch ein abschliessender Anhang als notwendig, um
die Handlung von allen Seiten ausklingen zu lassen, so wird der abschliessende
Anhang aus der Perspektive einer überlebenden zweiten Hauptperson nach den
nämlichen Gesetzen gearbeitet.
 
Der junge Konrad Reber aus dem Pfauen in Herrlisdorf, der Leutnant, strich durch
den Stall, hinter den Gäulen vorbei, welche bei seiner Ankunft den Hals
emporschleuderten und sich polternd zurechtstellten. Aber die rote Lissi,
zuhinterst in der Ecke, schaute sich zutraulich um, hob den Schweif und spreizte
die Schenkel.
    »Was ist, Lissi?« machte der Leutnant. »Sags, was möchtest mir klagen? Gelt,
möchtest auch lieber auf dem Frauenfelder Exerzierplatz galoppieren, morgens
früh um fünf, wenn die Trompeten schmettern, und Fensterparade am Sonntag
vormittag und am Abend schöne Fräulein, die dir die Mähne streicheln, dir ein
Zückerchen und mir ein Küsschen, als daheim Mist auf den Acker fahren und Zank
und Schelten und saure Gesichter den langen Tag! Kehr dich links, kehr dich
rechts, bück dich, streck dich, geschimpft wird auf jeden Fall. Hört das
Schimpfen auf, so fängt das Seufzen an. Allein was meinst, Lissi? meinst nicht
auch selber: wenns zuviel ist, so ists zuviel, und wenns zu lange währt, so muss
es ein Ende nehmen. So oder so, hinter sich oder für sich
