 Österreicher waren wir »patriotisch« vollkommen berechtigt,
unsere Überwinder aus dem vorigen Kriege diesmal als Überwundene sehen zu
wollen. Ferner ist es auch naturgemäß, dass man Jenen, in deren Mitte man lebt,
von deren Gefühlen man unwillkürlich aufgesteckt wird, die größere Sympatie
zuwendet - und wir waren ja von Franzosen umgeben. Dennoch: Friedrich war
preußischer Abkunft, und waren nicht auch mir die Deutschen, deren Sprache ja
die meine ist, stammverwandter als ihre Gegner? Außerdem war die Kriegserklärung
nicht von den Franzosen aus so nichtigem Grunde - nein, nicht Grunde, Vorwande -
ausgegangen, mussten wir daher nicht einsehen, dass die Sache der Preußen die
gerechte war, dass diese nur als Verteidiger und dem Zwang gehorchend, in den
Kampf zogen? Und war die Einmütigkeit nicht erhebend, mit welcher die vor Kurzem
noch sich befehdenden Deutschen sich jetzt zusammenscharten? Sehr richtig hatte
König Wilhelm in seiner Tronrede vom 19. Juli gesagt:
    »Das deutsche und das französische Volk, beide die Segnungen christlicher
    Gesittung und steigenden Wohlstandes gleichmäßig geniessend, waren zu einem
    heilsameren Wettkampfe berufen, als zu dem blutigen der Waffen. Doch die
    Machtaber Frankreichs haben es verstanden, das wohlberechtigte aber
    reizbare Selbstgefühl unseres großen Nachbarvolkes durch berechnete
    Missleitung für persönliche Interessen und Leidenschaften auszubeuten -«
Kaiser Napoleon erliess seinerseits folgende Proklamation:
    »Angesichts der anmassenden Ansprüche Preußens haben wir Einsprache getan.
    Diese ist verspottet worden. Vorgänge1 folgten, welche Verachtung für uns
    zeigten. Unser Land ist dadurch tief aufgeregt und augenblicklich erschallt
    das Kriegsgeschrei von einem Ende Frankreichs zum andern. Es bleibt uns
    nichts mehr übrig, als unsere Geschicke dem Lose, welches die Waffen werfen,
    zu überlassen Wir bekriegen nicht Deutschland, dessen Unabhängigkeit wir
    achten. Wir haben die besten Wünsche dafür, dass die Völker, welche das große
    deutsche Volkstum ausmachen, frei über ihre Geschicke verfügen. Was uns
    betrifft, so verlangen wir die Aufrichtung eines Standes der Dinge, welcher
    unsere Sicherheit verbürge und unsere Zukunft sicher stelle. Wir wollen
    einen dauerhaften Frieden erlangen, begründet auf die wahren Interessen der
    Völker; wir wollen, dass dieser elende Zustand aufhöre, bei dem alle Nationen
    ihre Hilfsquellen aufwenden, um sich gegenseitig zu bewaffnen.«
Welche Lektion, welche gewaltige Lektion spricht aus diesem Schriftstück, wenn
man es mit den folgenden Ereignissen zusammenhält! Also um Sicherheit, um
dauernden Frieden zu erlangen, wurde dieser Feldzug von Frankreich unternommen?
Und was ist daraus entstanden? - »L'année terrible« und dauernde - noch immer
dauernde - Feindschaft. Nein, nein: - mit Kohle lässt sich nicht weiß färben, mit
asa foetida nicht Wohlgeruch verbreiten und mit Krieg nicht Frieden sichern.
Dieser »elende Zustand«, auf den Napoleon anspielte, wie hat der seither sich
