 Schäfer anbelangt, so scheinen dieselben durch die Schäferpoesie
unschuldig in Verruf gekommen. Sie bleiben im Grunde ganz anständige Menschen,
gerade so dumm und schmutzig, wie andre solide Bauern. Welche Entrüstung muss das
Herz dieser Biedermänner erfüllen, wenn sie vernehmen, mit welch romantischem
Firlefanz ihren groben Filzhut gerührte Bänkelsänger umwanden! Überhaupt diese
Poeten! Jener Schäferjüngling, der so träumerisch vom Felsen in die Wolken
starrt, dürfte eine Sündflut »sangbarer« Lieder und populärer Balladen nach
sich ziehen, auch dürfte er sich zu gefälliger Komposition empfehlen. Aber
welche Gefühle durchfluten seine Brust? Legt er sich in Gedanken die Sonne als
goldne Krone zu? Oder fliegen Uhlandsche Königstöchterlein durch seine
schmachtende Seele? Oder ergeht sein zartbesaitetes Gemüt sich in elegischer
Stimmung nach der alten Weise: »Da droben auf jenem Berge?« Verleumdung! Womit
haben diese praktischen Realisten es verdient, als des Idealismus verdächtig
denuncirt zu werden? Ein edler Zukunftstraum von Haferbrei erhebt sich vor
seiner schönen Seele; tief sinnend schüttelt er das gedankenvolle Haupt in
gelindem Zweifel, ob Jenny ihn diesen Abend mit purer Milch bereiten wird oder
aber - die schöne Aussicht auf die Wänste seiner Hämmel begeistert ihn zu diesem
logischen Gedankenschwung - mit fetter Sahne?! Um auf die besagten Hämmel
zurückzukommen, so pflegt dieser vierfüssige Hochlandsclan eine unpassende
Zudringlichkeit. Aus ihrer grasenden Beschaulichkeit aufgestört, starren sie uns
mit dem düstern Blick gekränkter Friedensunschuld an und schleudern uns ein
unheilverkündendes Blöken nach. Herr Schäfer putzt sich die Nase.
    »Ade, du Schäfer mein!«
    Wir sind nun schon lange über Te Queen's Seat hinaus. Hier hat nämlich
Königin Victoria auf einer Fusstour durch dies Tal geruht und der Herzog von
Atole ließ hier ein erfrischendes Frühstück und zur besonderen Befriedigung eine
reichhaltige Liqueursammlung serviren. Die meisten Wasserfälle auch schon
passiert. Der Tilt wird immer breiter. Dieser Flussjüngling blieb übrigens trotz
seines wässerigen Berufes eine ungewaschener Kanadier, indem er sich einerseits
alle Nase lang in die Büsche schlägt, wo wir ihm nachlaufen müssen, andrerseits
sich nicht einmal eine anständige Brücke zugelegt hat, trotz seiner
entschiedenen Neigung für Überschwemmung und Austretung und überhaupt alle
Arten von Ausschreitungen. An einer Stelle haben wir also richtig mit Sack und
Pack, Ross und Reisigen, hindurch zu plantschen, wobei die Ponys ein auserlesenes
Vergnügen im Bespritzen ihrer reitenden Opfer, in Folge gänzlich unberechtigten
Strauchelns, zu finden scheinen. Vertiefen wir uns bei kurzer Rast in ein
Butterbrod und die romantische Aussicht! Der Guide, ein erfahrener
Menschenkenner, scheint uns poetischer Gefühle fähig zu halten; er wirft uns
einen misstrauischen Blick zu und schlendert uns, in der Gewissheit seines
Verdachtes, die lauernde Frage ins Antlitz: »Schmeckt Ihr Butterbrod, Sir?« Ja,
der Barbar wagt es obendrein, zarte Andeutungen
