 Man muss sehr talentlos oder energielos
sein, um auf solcher Schimpf-Basis nicht ein Piedestal für sich zu erbauen.«
    »Sehr richtig!« rief der finstre Volksredacteur mit dem Christuskopf. »Uns
hat das Socialistengesetz und der Belagerungszustand groß gemacht. Das Schimpfen
und Verfolgen zeigt doch immer Furcht.«
    Aus dieser Anknüpfung entspann sich alsbald naturgemäß eine socialpolitische
Debatte, während die Mamsells sämtliche Flaschen unterdessen ausbecherten, über
den Associationsstaat. Da hatte Jeder sein Steckenpferd. Der jüdinnenfreundliche
Antisemit bestand vor allem auf freier Liebe und Aufhebung des Erbrechts.
Schmoller bezeugte eine besondere Wut gegen das Privatkapital und der düstere
Redacteur plaidirte für das Genossenschaftswesen als Monopol. Leonhart ließ den
Wortschwall eine Weile über sich ergehen, dann aber hielt es ihn nicht länger
und sprach: »Meine Herrn! Die socialistische Doctrin entstammt dem Schädel
überspannter Ideologen, welche sich im Mantel des naturwissenschaftlichen
Materialismus drapiren, um die wahren Materialisten, die rohen Pöbelmenschen,
über ihr Wesen zu täuschen. Der Socialismus ist in sich die baare blanke
Unmöglichkeit. Denn erstens müssten, um ihn durchzuführen, die Bedingungen der
Naturgesetze umgestossen und eine gewaltsame Herabschraubung und Nivellirung
aller Einzelkräfte auf ein Durchschnittsmass ermöglicht werden. Sie werden mir
nun versichern, das socialdemokratische Drillzuchtaus werde der naturgemässen
Aristokratie des Geistes gebührend Rechnung tragen und dieselbe als Beamtentum
der großen Staatsfabrik, als patentirte Erfinder und Ingenieure verwenden.
Allein, wie lange würde es dauern und die souveraine Arbeitermasse, willenlos
tierischen Instinkten folgend, würde diese geistige Kontrol-Aristokratie mit
demselben Hass empfinden, wie die frühere Geld- und Geburtstagsaristokratie. Ja,
die Möglichkeit ist für den Psychologen nicht ausgeschlossen, anbetracht der
vollständig sinnlichen und äußerlichen Auffassung der Durchschnittsmasse, dass
die Geistesaristokratie nicht einmal den Respekt bei dem gemeinen Mann erzwingen
würde, den er jetzt mürrisch dem Geld und Titel entgegenbringt. - Andrerseits
aber würde höchst wahrscheinlich diese Beamtenaristokratie selbst ihr Loos bald
unzulänglich finden und ein höheres Übergewicht, ihrem Wert gemäß, dem
Handarbeiter gegenüber beanspruchen, als der socialdemokratische Staat ihnen
notwendig zugestehen kann. - Wie will sich nun dieser Staat vor all den
Unzufriedenen schützen? Ah, an Gewalt wird es ja nicht fehlen, vor scharfen
Mitteln werden die großen Robespierres des Socialismus nicht zurückschrecken -
man wird die Staatsgewalt schon aufrecht erhalten, nicht wahr? Nämlich womit?
Natürlich mit bewaffneter Hand, mit einer kräftigen Jakobiner-Leibgarde der
socialistischen Heiligen. Sieh da, und darum habt ihr dem Militarismus den
Garaus gemacht? O ihr Toren! Was für ein Unterschied zwischen den alten und
neuen Garden?
    Meiner festen Überzeugung nach macht die Mehrzahl der socialistischen
Utopisten, in Folge mangelhaft construirter Einbildungskraft, sich den Zustand
der Menschen ihres Zukunftsstaates in keiner Weise klar. Wir wollen meinethalben
annehmen, dass man die Blumen aus der Natur ausjäten, dass
