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sei nicht böse, aber du bist ja auch eine zweite Frau, und wie hochgeachtet
stehen meine Grosseltern da!«
    »Unverschämt!« brauste die alte Dame auf. »Wie kannst du mich mit der ersten
besten hergelaufenen Person vergleichen! Du - aber wofür ereifere ich mich
denn!« unterbrach sie sich und reckte ihr zierliches Figürchen empor, um die
verlorene würdevolle Haltung wiederherzustellen. »Die ganze Geschichte dreht
sich ja doch nur um eine Beutelschneiderei, eine Erpressung von s der
Eltern; die verschollene Tochter kommt dabei kaum in Frage, wir tun ihr damit
nur eine unverdiente Ehre an - wer weiß, wo sie sich herumtreibt!«
    »Sie ist tot, Grossmama! Schmähe sie nicht in der Erde!« rief Margarete
empört. »Du darfst es nicht, eben um unserer Familienehre willen; denn - du
magst dich selbst täuschen wie du willst - sie ist trotz alledem die zweite Frau
meines Vaters gewesen!«
    »Wirklich, Grete? - Nun, dann frage ich nur, wo sind denn die Dokumente, die
es beweisen? ... Gesetzt, es verhielte sich alles genau so, wie die Leute im
Packhause behaupten, und du es in deiner unglaublichen Verblendung vertrittst -
gesetzt, er sei in der Tat durch seinen jähen Tod verhindert worden, die
geheime Ehe öffentlich anzuerkennen, dann, sage ich, müsste sich doch irgend ein
darauf bezügliches Papier in seinem Nachlass gefunden haben. Nichts von alledem!
Nicht die kleinste eigenhändige Notiz, geschweige denn gerichtlich beglaubigte
Atteste und Zeugnisse. Aber ich will noch weiter gehen. Ich will selbst
annehmen, dass die Dokumente in der Tat selbst existiert haben,« - sie machte
eine augenblickliche Pause - »so kämen wir dann notwendig zu dem Schluße, dass
sie der Verstorbene selbst vernichtet hat, weil er nicht gewillt gewesen ist,
die Sache an das Licht der Oeffentlichkeit zu bringen. Und das, meine ich,
sollte dir genügen, die wahnsinnige Idee aufzugeben, infolge deren du dich für
die Vollstreckerin seines vermeintlichen letzten Willens hältst.«
    Margarete war zurückgewichen, als sei sie auf eine Schlange getreten. »Das
kann unmöglich dein Ernst sein, Grossmama! Was hat dir mein Vater getan, dass du
ihm einen solchen Schurkenstreich zutraust... Ach, sein Zaudern, seine Furcht
vor dem Urteil der Welt, vor dem Standesvorurteil, dem Moloch, der das
Lebensglück Tausender verschlingt, wie hart strafen sie sich in diesem
Augenblick! Wie hat sich diese unselige Schwäche schon bei Lebzeiten gerächt
durch die Qual inneren Zwiespaltes! ... Und nun dieses Ende, dieser grauenvolle
Abschluss, der ihm selbst kein Auslöschen seiner Verschuldung auf Erden gestattet
hat! Aber ich weiß, was er gewollt hat -
