 ich kann dir auch
nicht helfen; aber wenn du einmal den Sebastian siehst, so macht er dir schon
eines auf.«
    Das war eine große Erleichterung für Heidi, zu wissen, dass man doch die
Fenster öffnen und hinausschauen könne, denn noch war es ganz unter dem Druck
des Gefangenseins von seinem Zimmer her. Klara fing nun an, Heidi zu fragen, wie
es bei ihm zuhause sei, und Heidi erzählte mit Freuden von der Alm und den
Geißen und der Weide und allem, was ihm lieb war.
    Unterdessen war der Herr Kandidat angekommen; aber Fräulein Rottenmeier
führte ihn nicht, wie gewöhnlich, ins Studierzimmer, denn sie musste sich erst
aussprechen und geleitete ihn zu diesem Zweck ins Esszimmer, wo sie sich vor ihn
hinsetzte und ihm in großer Aufregung ihre bedrängte Lage schilderte und wie sie
in diese hineingekommen war.
    Sie hatte nämlich vor einiger Zeit Herrn Sesemann nach Paris geschrieben, wo
er eben verweilte, seine Tochter habe längst gewünscht, es möchte eine Gespielin
für sie ins Haus aufgenommen werden, und auch sie selbst glaube, dass eine solche
in den Unterrichtsstunden ein Sporn, in der übrigen Zeit eine anregende
Gesellschaft für Klara sein würde. Eigentlich war die Sache für Fräulein
Rottenmeier selbst sehr wünschbar, denn sie wollte gern, dass jemand da sei, der
ihr die Unterhaltung der kranken Klara abnehme, wenn es ihr zu viel war, was
öfters geschah. Herr Sesemann hatte geantwortet, er erfülle gern den Wunsch
seiner Tochter, doch mit der Bedingung, dass eine solche Gespielin in allem ganz
gehalten werde wie jene, er wolle keine Kinderquälerei in seinem Hause - »was
freilich eine sehr unnütze Bemerkung von dem Herrn war«, setzte Fräulein
Rottenmeier hinzu, »denn wer wollte Kinder quälen!« Nun aber erzählte sie
weiter, wie ganz erschrecklich sie hineingefallen sei mit dem Kinde, und führte
alle Beispiele von seinem völlig begriffslosen Dasein an, die es bis jetzt
geliefert hatte, dass nicht nur der Unterricht des Herrn Kandidaten buchstäblich
beim Abc anfangen müsse, sondern dass auch sie auf jedem Punkte der menschlichen
Erziehung mit dem Uranfang zu beginnen hätte. Aus dieser unheilvollen Lage sehe
sie nur ein Rettungsmittel: wenn der Herr Kandidat erklären werde, zwei so
verschiedene Wesen könnten nicht miteinander unterrichtet werden, ohne großen
Schaden des vorgerückteren Teiles; das wäre für Herrn Sesemann ein triftiger
Grund, die Sache rückgängig zu machen, und so würde er zugeben, dass das Kind
gleich wieder dahin zurückgeschickt würde, woher es gekommen war; ohne seine
Zustimmung aber dürfte sie das nicht unternehmen, nun der Hausherr wisse, dass
das Kind angekommen sei. Aber der Herr Kandidat war behutsam und niemals
einseitig im Urteilen. Er tröstete Fräulein Rottenmeier mit vielen Worten und
der Ansicht,
