 selbander in Kantor Beifussens Schulstube.
    Und da muss denn leider bekannt werden, dass im flüssigen Lesen und zierlichen
Schreiben der große Dezem von dem kleinen Röschen auf eine für den Helden einer
Geschichte bedenkliche Weise überholt worden ist; ja, wäre zwischen menschlichen
Hirnschalen nicht eine unsichtbare Zahlenwelt aufgetaucht - nach dem Sprachlaut
vielleicht das erste Mysterium, welches den urwilden Jäger von dem urwilden
Jagdtier unterschied -, da müsste dem Biographen für seines Helden Schülerehre
bange werden. Die Aritmetik rettet sie. Schwester Röschen hat es im Leben nicht
über das dritte der Spezies hinausgebracht; aber mit Addieren und Multiplizieren
hat das klügste Frauenköpfchen ja auch für seine Lebenszeit mehr als genug
getan, während, wenn möglich, noch ein Dutzend weitere Spezies erfunden werden
müsste, um diesem oder jenem männlichen Schädel sein Gnügen zu tun. Und
hinreichend dick für derlei Speziesappetit war Held Dezems Schädel schon in
seinem ersten Stufenjahr. Kantor Beifuss, der sich als einen zweiten Adam Riese
schätzte, erklärte den Pfarrdezem für ein Quatermillionengenie, wie es ihm in
seiner Praxis noch nicht vorgekommen sei. Die heidenmässige Fertigkeit müsse dem
Täufling mit dem heidenmässigen Namen eingebunden worden sein, äußerte er
vertraulich gegen Frau Julchen, seine Hausehre. In einem städtischen
Kaufmannsgeschäfte, da könne der Junge es einmal zu etwas bringen; was aber ein
Verwalter auf Amtmann Mehlborns Wirtschaftshofe mit solcher Quatermillionenkunst
anfangen solle, das war dem Kantor Beifuss ein Rätsel.
    Und dem Pastor Blümel war es um so mehr ein Rätsel, als er sich niemals für
einen Nebenbuhler Adam Riesens gehalten und es niemals beklagt hat, dass von
allen idealen Gebieten das sogenannte unumstössliche ihm das verhüllteste
gewesen, ja nahezu ein grauenerregendes geworden ist, als er in der Schülerzeit
einen Zipfel seines Schleiers zu lüften gezwungen ward. Wie sollte er, des
Knaben vor Gott und Menschen verantwortlicher Führer, die ihm selbst so
fremdartige Gabe entwickeln, wie sie in seiner bescheidenen Lebenssphäre
dereinst verwerten?
    Dieser erst durch die Schule geweckte Sinn wurde indessen noch bedenklicher,
wenn der Vater ihn mit einem zweiten in Verbindung brachte, der sich schon
früher, ohne durch Lehrwort oder Beispiel erregt worden zu sein, in dem Knaben
offenbart hatte, bis dahin aber von den Eltern als eine Kinderlaune belächelt
worden war: der nämlich für das Licht und die Lichter des Himmels.
    »Es ist der dem Menschen eingeborene Trieb des Suchens,« sagte der Vater,
»des Suchens ohne bestimmten Zweck. Das Kind sucht mühsam Steinchen und Blümchen
und wirft sie, hat es sie gefunden, wieder fort. Ich alter Knabe sogar, bücke
ich, wenn ich mich im Walde ergehe, nicht hundertmal meinen steifen Rücken, um
mich mit Pilzen zu beladen, deren Wohlgeschmack mir unerfindlich ist, die du,
Hannchen, der Giftgefahr halber, nicht auf
