
Walde verhüllt, denn ihre Armseligkeit würde mein stolzes Wohlgefühl um einige
Grade abgekühlt haben. Es temperierte sich bereits, als wir, nahe dem
Eingangsgitter, auf eine Gruppe zerlumpter, verkümmerter Gestalten stießen, die
zu mir gleich einem Meerwunder in die Höhe starrten. Ich hielt sie für Bettler,
die ich von jeher als Faulenzer verachtet und mit Widerwillen gemieden hatte.
Muhme Justine belehrte mich indessen anderen Tags, dass es die Bauern und Fröner
des Dorfes gewesen seien, welche das seit einem Menschenalter nicht mehr
geschaute »Böse Ding« der goldenen Kutsche herbeigelockt hatte.
    Der Riese sprang vom Trittbrett, das wappenprangende Tor zu öffnen und
alsobald wieder zu verschließen. Vor meinen Augen dehnte sich die breite Avenue
inmitten des sauber gehegten, reichgefüllten Gartens. Im Hintergrunde ragte das
Schloss, dessen rötliche Bekleidung die untergehende Sonne mit einem Goldschimmer
übergoss. Die weißen Marmorsimse, die hohen Spiegelfenster, die mit Statuen und
Vasen gezierte Terrasse, auf deren Rampe wir anhielten, die Säulen des großen
Portals, alles das verfehlte seine Wirkung nicht. Ich begriff während dieser
Auffahrt die Gleichgültigkeit der Eignerin dieses fürstlichen Besitztums gegen
ihre bescheidene Sippe in der Baderei. Aus welchem Begreifen indessen nicht
gefolgert werden soll, dass ich etwa gedrückt oder eingeschüchtert meiner vom
Glücke reichlicher gesegneten Verwandtin entgegenging. Auch ich war eine
Reckenburg, und niemals, denn als geladener Gast, würde ich diese stolze
Schwelle betreten haben.
    Von meinem Heiducken geleitet, bestieg ich die breite Marmortreppe. Jede
Tür, die ich passierte, wurde sorgfältig wie hinter einer Gefangenen verriegelt.
Ich trat in das lange Vestibül, auf welches die Zimmerflucht mündete. Die
goldgerahmten Trumeaus zwischen den Fensternischen, die mytologischen Reliefs
und Fresken an der gegenüberliegenden Wand - Ihr geht mit einem gnädigen Lächeln
an diesen Kunstgebilden vorüber, hochweise Zöglinge eines anderen Geschmacks,
die Einfalt von damals aber, glaubt nur, dass sie Augen machte!
    Am Ende des Ganges stand, wachehaltend, der Heiduck du jour, meinem
bisherigen Begleitsmann ähnlich wie ein Zwillingsbruder. Schweigend wie jener -
alles schwieg, alles war grabesstill in dem Zauberpalast - öffnete er die letzte
Tür. Ich betrat ein Vorzimmer, das den einzigen Eingang zu dem vielberufenen
Turmbau bildete (der »östlichen Rotonde«, wie es damals hieß). Zur Rechten des
Vorzimmers lag der Speisesaal. Diese drei Piecen, »das Appartement Ihrer
Hochgräflichen Gnaden«, waren die einzigen, welche jemals in dem weitläufigen
Frontbau bewohnt worden waren. Sämtliche Wirtschaftsräume befanden sich im
westlichen Flügel.
    Der Leibwächter hatte mit dem goldenen Knopf seines Stockes dreimal laut an
die Turmtür geklopft und sich auf seinen Posten zurückgezogen. Ich war allein
und nicht ängstlich, nur neugierig, was weiter über mich verfügt werden würde.
Ich legte ab, setzte mich in die tiefe
