 spät, so unerwartet
gekommen, dass man nicht wusste, wie man sich ihr gegenüber eigentlich zu
verhalten habe, und die kühle Weise, mit welcher sie von der Mutter und von
Hildegard aufgenommen wurde, lähmte den Aufschwung, zu dem die Seele des
Freiherrn sich eben erst erhoben hatte.
    Das verändert die Sache freilich! meinte die Gräfin endlich, das sind
Gründe, die man gelten lassen muss und die man anzugeben vermag! Hüte Dich aber,
dass Deine schöne Dankbarkeit Dich nicht zu weit führt, lieber Sohn! Sei
vorsichtig auch in diesem Punkte! Wir sprechen bald einmal davon, recht bald!
    Sie umarmte die Tochter, umarmte auch den Sohn, und man trennte sich mit dem
herkömmlichen »Auf Wiedersehen!« -
    Die Frauen hatten aber die Schwelle des Hauses noch nicht überschritten, als
Hildegard ihren Arm in den der Mutter legte und, sich an sie schmiegend, leise
sagte: Mama, sei ruhig, ganz ruhig über Deine Hildegard, Du wirst sie nicht mehr
klagen hören, nicht mehr weinen sehen, Gott hat es wohl mit mir gemeint! Das war
nicht der Mann, mit dem ich glücklich werden, das war nicht das Haus, in dem ich
Frieden finden konnte! Renatus hat doch im Grunde seines Vaters, hat doch den
Artenschen Sinn, der sich zu allem demjenigen hingezogen fühlt, was unseren
Begriffen von Sitte und von wahrer Würde widerspricht! Ich wäre an seiner Seite
zu Grunde gegangen wie die Kousine Angelika an seines Vaters Seite, das sehe ich
immer klarer ein! Lass uns hoffen, Mama, dass Cäcilie weniger fein empfindet, und
vor allen Dingen, liebe Mutter, lass uns ihr zur Seite stehen und über ihr
wachen. Sie wird das, wie ich fürchte, nötig haben.
 
                                Viertes Kapitel
Die mehr oder weniger großen Kreise von Menschen, welche sich als eine durch
gewisse Überzeugungen, Sitten oder Lebensgewohnheiten zusammengehörende
Gesellschaft betrachten, sind in der Regel sehr geneigt, sich von einem ihrer
Mitglieder einen bestimmten Anstoß geben und von diesem in irgend eine beliebige
Bahn hineinschieben zu lassen, in der sie dann, je nach den Fähigkeiten der
Einzelnen, vorwärtsschreiten und die Bewegung, zu der sie getrieben worden sind,
wie eine von ihnen selbst ausgegangene eifrig fortzusetzen pflegen. Denn wie die
Gemeinschaft, die Masse in gewissem Sinne Gedanken erzeugt und schöpferisch
belebend auf den Einzelnen zurückwirft, so empfängt sie noch häufiger ihre
Gedanken und Meinungen von einer einzelnen Person, und es sind leider nicht
immer die Edelsten und Besten, nicht immer die Unparteiischen, nicht immer die
Selbstlosen, welche den Ton angeben und bestimmen. Irgend ein Zufall, irgend
eine Schicksalsgunst, irgend ein das billige Mitleid anregender Unglücksfall,
vermögen einem bisher missachteten Charakter nicht nur Verzeihung, sondern eine
