 aber entschieden auf ihren
rechten Standpunkt wiesen, beschämten beide und befreiten sie doch zugleich. Sie
warfen weit mehr, als der Kaplan es ahnen konnte, dem Sohne vor, dass er in jeder
Beziehung nur an sich und sein Bedürfen gedacht habe, sie erinnerten den Vater
daran, dass der Sohn sicherlich in freundlicher Absicht gekommen sei, und geboten
dem Sohne Schonung für den Vater, dem Vater Rücksicht und Anerkennung für den
Sohn. Aber man findet sich nicht gleich zurecht, wenn man einmal von der
richtigen Straße abgekommen ist und die Gegenstände und die Menschen von einer
falschen Seite angesehen hat.
    Renatus erwartete, dass der Freiherr, wie das früher in ähnlichen Fällen
geschehen war, nach kurzem Überlegen mit der Angelegenheit fertig sein, dass er
dem Amtmanne durch einen Boten noch heute seine Befehle senden oder ihn in der
Frühe des nächsten Morgens kommen lassen werde, um mit wenigen Worten die Sache
durchzusprechen, und dass von derselben danach nicht mehr die Rede sein werde,
bis zur Ankunft der Einquartierung. Statt dessen nahm der Freiherr eine Brille
zur Hand, setzte sich am Schreibtische nieder, verzeichnete die Namen und den
Rang der Offiziere, die man im Schloss unterzubringen hatte, ließ sich vom
Kaplan aus der Registratur, die er, seit Steinert aus seinem Dienste geschieden
war, von Rotenfeld nach dem Archive in Richten und in eigene Verwahrung
genommen hatte, verschiedene Acten und Papiere herbeiholen und machte sich
daran, die Verteilung auf die einzelnen Häuser eben nach jenen Papieren und
Acten selbst auszurechnen und festzusetzen. Renatus sah mit Verwunderung, wie
genau der Freiherr jetzt von der Lage und von den Verhältnissen der einzelnen
Gutsinsassen unterrichtet war; aber eben so setzte ihn die harterzige Strenge
in Erstaunen, die sich bei dem Freiherrn gegen alle jene Leute aussprach, welche
seit Jahrhunderten Hörige seiner Familie gewesen und nun in Folge der neuen
Gesetzgebung freie Bauern und freie Arbeiter geworden waren. Der Kaplan hatte
beständig Nachsicht für sie von dem Freiherrn zu fordern, und es kamen dabei so
traurige Schilderungen ihrer Not zur Sprache, Renatus erfuhr durch die
Entgegnungen des Freiherrn so viel von den Lasten, welche dieser bereits zu
tragen gehabt hatte, sein Vater äußerte sich so unumwunden über den Mangel an
Lebensmitteln, der auf den Gütern herrsche, und über die Schwierigkeit, welche
man haben werde, das Geld zur Beschaffung der für die Aufnahme des Stabes
notwendigen Bedürfnisse aufzutreiben, dass Renatus sich abermals die Frage
aufwarf, in welcher Welt er denn lebe, und ob er, ob sein Vater noch dieselben
Freiherren von Arten-Richten wären, die sonst in stolzer Sorgenfreiheit in
diesem Schloss gleichsam Hof gehalten hatten.
    Er musste es als ein Zeichen des Vertrauens, der Verzeihung ansehen, dass sein
Vater ihm ein paar Blätter hinreichte, damit er
