 arme junge Ding schon gelitten hat, Sie würden sagen: so etwas
ist nicht möglich: und Ihr Herz würde überfliessen vor Mitleid, wie meines
übergeflossen ist.
    Herr Bemperlein schwieg, weil er vor Bewegung nicht weiter sprechen konnte.
Sophie nahm seine Hand und sagte: Gutes Bemperchen! Bemperlein erwiderte warm
den Druck und fuhr, nachdem er sich einige Male, um seine Rührung zu bemeistern,
laut geräuspert hatte, also fort:
    Sie hat mir nichts verschwiegen; auch nicht, dass sie in der letzten Zeit mit
einem schlechten Menschen (ich wiederhole, Fräulein Sophie, dass es nicht Herr
Stein ist) ein Verhältnis gehabt hat; mit einem Menschen, der sie auf die
unwürdigste Weise genasführt und betrogen und an einen notorischen Roué hat
verkuppeln wollen. Doch diese Geschichte ist so niedrig, so gemein, dass ich sie
Ihnen nicht einmal mitteilen möchte, selbst wenn ich Marguerite nicht
versprochen hätte, Keinem, er sei, wer er sei, je die betreffenden Personen zu
nennen. - Und nun, - schloss Bemperlein, indem er Sophiens beide Hände in die
seinen nahm, was sagen Sie zu dem Allen?
    Sophie wurde durch die plötzliche Frage einigermaßen in Verlegenheit
gesetzt. Sie hatte sich aus einzelnen hingeworfenen Äußerungen Helenens,
Oswalds und ihres Verlobten von Marguerite ein Bild entworfen, das keineswegs
sehr schmeichelhaft für die junge Dame war; und auch Bemperleins Erzählung war
nicht im Stande gewesen, ihr einmal gefasstes Vorurteil ganz zu beseitigen. Es
tat ihr weh, dass sie den armen Mann, dessen gutes Gesicht jetzt mit einem
aufgeregten, ängstlichen Ausdruck, als ob von ihrem Ausspruch Leben und Tod
abhinge, auf sie gerichtet war, durch einen Zweifel an der Vollkommenheit seiner
Auserkorenen kränken sollte, und doch! lügen konnte und mochte sie nicht, und
antworten musste sie nun einmal. So sagte sie denn mit einer allerliebsten
Präceptormiene, das Köpfchen nachdenklich von einer Seite auf die andere
bewegend:
    Es ist mit der Liebe ein eigenes Ding, Bemperchen. Ich habe während der
Zeit, dass ich Franz kenne und liebe, oft darüber nachgedacht. Es ist nicht Alles
Gold, was glänzt, und nicht Alles Liebe, was wie Liebe aussieht. Es gibt
Empfindungen, die als solche sehr lobenswet, aber trotz all dem nicht Liebe
sind, und die wir uns ja hüten müssen, für Liebe zu nehmen. Und je edler ein
Herz ist, desto leichter gerät es in Gefahr, einen solchen Irrtum zu begehen,
gerade wie der Vertrauensvollste sich am leichtesten falsches Geld für richtiges
in die Hände stecken lässt; ich zum Beispiel, die, wenn ein falsches
Viergroschenstück auf dem Markt war, es sicherlich, wenn ich nach Hause komme,
in meinem Portemonnaie habe. Es gibt aber keine Empfindung
