! Sie wissen, mit einem Melancholicus, wie ich einer
bin, darf man es nicht so genau nehmen!
    Ja, das soll Gott wissen! rief Timm mit dem alten lustigen Gelächter, das
blonde Haar, das ihm über die Stirn gefallen war, nach hinten schlagend und sein
Glas mit einem Zuge leerend. Und ich habe oft schon darüber gerätselt, wie doch
ein Kerl, der alle Anwartschaft auf den intensivesten Genuss des Lebens hat, zu
einer Weltanschauung kommt, die sich einzig für kranke Kanarienvögel und andere
Invaliden zu ziemen scheint. Wenn Sie aus blöder Scheu niemals angefangen
hätten, zu genießen, oder Ihre Kraft im Genuss verbraucht hätten, wollte ich
nichts sagen; aber da offenbar das Eine so wenig der Fall ist, wie das Andere,
so wüsste ich wirklich nur Eines, was Ihnen fehlen könnte.
    Und das wäre?
    Herr Timm stützte die Ellenbogen auf den Tisch und das glatte Gesicht in die
weißen Hände und lächelte Oswald schlau an.
    Und das wäre, Timm?
    Zehntausend Taler jährlich Rente.
    Oswald lachte.
    Ein höchst prosaisches Mittel gegen den Weltschmerz.
    Aber ein radicales, und das gerade bei Ihnen unfehlbar anschlagen würde.
    Wesshalb gerade bei mir?
    Timm schenkte die Gläser wieder voll, zündete sich eine frische Zigarre an
und sagte:
    Heine teilt, wie Sie wissen, die Menschen in zwei Klassen: in fette
Griechen und magere Nazarener. Ich habe diese Unterscheidung stets eben so
praktisch wie tiefsinnig gefunden. Jene glaubten an die heilige Frau von Melos,
diese beten zur schmerzensreichen Mutter. Der heitere, fröhliche Genuss der guten
Dinge dieser Welt ist für die Einen: mürrische Entsagung und grübelnde Ascese
für die Anderen. Damit nun Beide zu ihrem Rechte kommen, die Griechen sich
ausleben und die Nazarener sich ausbeten können, müssen die Ersteren notwendig
Geld und zwar viel Geld haben, und die Letzteren arm und zwar sehr arm sein.
    Ehe Sie in Ihrer Auseinandersetzung weiter gehen, Timm, sagen Sie mir
zuvörderst: in welche Klasse gehören denn Sie?
    Zu beiden, oder in keine von beiden, wie Sie wollen. Ich habe den guten
Magen, die gesunden Zähne, die feinen Sinne, mit einem Worte, die Genusssucht und
die Genussfähigkeit des Griechen; aber auch die den Nazarenern zur Ausübung ihrer
specifischen Tugenden nötige Zähigkeit und Genügsamkeit. Ich habe das
unschätzbare Talent des Kameels, lange dursten zu können, ohne dabei den Mut
und die Kraft zu verlieren - im Gegenteil, bei mir dient die Entbehrung nur
dazu, den Appetit zu schärfen und den nächsten Trunk köstlicher zu würzen. Wenn
ich die wüste Strecke durchlaufen habe, und - wie jetzt zum Beispiel - die
Zweige der Mimose und die Fächer der Palme über mir wehen und der eiskalte Quell
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