-Maria? sagte hier der alte Herr; Oswald konnte nicht unterscheiden, ob aus
gastfreundlicher Fürsorge, oder um dem Gespräch, das, er wusste selbst nicht wie,
einen etwas lebhaften Charakter angenommen hatte, eine andere Wendung zu geben.
    Ich danke, sagte Oswald trocken.
    Sie haben, fuhr die Baronin, ohne diese Unterbrechung zu beobachten, fort,
wenn ich den Professor Berger, der uns an Sie wies, recht verstanden habe, sich
bis jetzt noch nicht mit Unterrichten und Erziehen beschäftigt, Herr Doctor?
    Nein.
    Sie werden mich außerordentlich verbinden, wenn Sie mir gelegentlich Ihre
Grundsätze in dieser Beziehung ausführlicher darlegen wollten. Ich bin zum
voraus überzeugt, dass wir in den Hauptpunkten einerlei Meinung sein werden. Auf
einige Differenzen in den Nebensachen müssen wir uns wohl Beide gefasst machen.
Ich werde Ihnen meine etwaigen Wünsche und Ansichten stets unverhohlen äußern
und bitte Sie, gegen mich dieselbe Rücksichtslosigkeit zu beobachten. Was den
Umfang der Kenntnisse der Knaben anbelangt, so werden Sie sich darüber bald
selbst ein Urteil bilden. Auch Ihrem Urteil über den Charakter der Kinder
wünsche ich nicht vorzugreifen; nur das glaube ich Ihnen sagen zu müssen, dass
Sie in Malte, unserm Sohn, einen etwas verzogenen Knaben, und in Bruno - Sie
wissen, dass Bruno von Löwen ein entfernter Verwandter meines Mannes ist, den wir
nach dem Tode seiner Eltern zu uns genommen haben - einen Knaben finden werden,
der eben gar nicht erzogen und in Folge dessen auch zum Teil sehr ungezogen
ist.
    Liebe Anna-Maria, sagte der alte Herr.
    Ich weiß, was Du sagen willst, lieber Grenwitz, unterbrach ihn die Baronin,
Bruno ist nun einmal Dein erklärter Liebling, und unsere Ansichten über ihn
werden wohl noch lange verschieden bleiben. Übrigens magst Du auch wohl Recht
haben, wenn Du behauptest, dass ich ihn nicht zu beurteilen vermag, was übrigens
weniger meine, als des Knaben Schuld ist, dessen düsteres verschlossenes Wesen
alle Annäherung von unserer, wollte sagen, von meiner Seite beharrlich
zurückweist.
    Aber, liebe Anna-Maria, -
    Nun, lass es gut sein, lieber Grenwitz, wir wollen Herrn Doctor Stein nicht
gleich an dem ersten Abend, den er unter unserm Dache ist, das Schauspiel der
Uneinigkeit zweier Ehegatten geben. Überdies wird Herr Doctor Stein der Ruhe
bedürfen. Mademoiselle, wollen Sie die Güte haben, zu klingeln.
    Diese letzten Worte wurden in französischer Sprache an die junge Dame
gerichtet, welche während dieser ganzen Unterredung unbeweglich, ohne auch nur
die Augen nach dem Ankömmling aufzuschlagen, das Buch, aus dem sie vorgelesen
haben mochte, noch immer in der Hand haltend, an dem Tische gesessen hatte.
Jetzt erhob sie sich und schritt nach der Tür, neben
