 nach den allgemeinen Gesetzen der Natur, insoweit sie sich auf
die Bildung eines menschlichen Antlitzes erstrecken, bei dieser edelen Frau ein
Mund anzunehmen; doch suchte man vergebens nach etwas, was wie zwei Lippen
ausgesehen hätte. Sind wirklich die Versinnlichungen solcher Begriffe zwischen
der liebevollen Nasen- und Kinnbegegnung der fremden Dame vorhanden, so presst
sie doch die glückliche Inhaberin derselben so zusammen, dass sie nach oben in
der Nase, nach unten im Kinn gleichsam mit aufgegangen scheinen. Versucht die
Dame ferner, was sie oft tut, über die Öffnung, die man Mund nennt, ein
Lächeln zu zaubern, so sieht man einige Zähne, die wie die einsamen, geköpften
Weidenstumpfe an den Bächlein standen, die man hier zu passieren hatte. Die
Sprache der Dame ist hochdeutsch, soweit ein gewisses Röcheln und Schnurren
unartikulirter Zwischentöne es erkennen lässt, sonst sogar was man gewählt nennt
und »nicht frei von Bildung«. Leider kommt diese Sprache aber so seltsam zu
Gehör, als wenn jeder Satz sich in den innern Gängen der Brust verliert. Wie die
herabgelassene Eimerkette eines großen Ziehbrunnens verrollten die hübschesten
Anfänge ihrer Reden für das aufmerksame Ohr des sie zuweilen ebenso unheimlich
anschielenden Kindes in dunkle und unverständliche Abgründe.
    Den Namen ihrer Wohltäterin und ihren Stand kannte Lucinde, die bereits
hinter Langen-Nauenheim der Bequemlichkeit wegen kurzweg in Henriette und hinter
dem ersten Nachbardorfe schon noch kürzer in Jette umgetauft wurde. Sie fuhr mit
der verwitweten Frau »Hauptmännin« von Buschbeck. Die Dame behauptete in der
Nähe auf irgendeinem Rittergute Kapitalien liegen zu haben, welches »Liegen«
sich Lucinde (oder müssen wir nun auch sagen Henriette?) ganz figürlich
vorstellte. Beim Vorbeifahren an Langen-Nauenheim wollte die Frau Hauptmännin
sich über den Dorfsegen ergötzt haben, der gerade aus dem Schulhause strömte, an
den lachenden, fröhlichen Kindern, und am meisten hätte ihr »Lieb-Jettchens«
Erscheinung gefallen, die die Kinder gerade aus der Tür entließ und jedem, der
nicht Ordre parirte, tüchtig - sie erzählte das soeben lebendig und mit manchem
wohlwollenden, leider im Husten erstickenden Hi! Hi! wieder, - einen
»Starnicksel« mit auf den Weg gab. Denn Ordnung muss sein! röchelte die
Hauptmännin, als der Eimer ihrer Stimme wieder aus dem Brunnen herauskam, und
fügte dann nach und nach hinzu:
    Sitz aber gerade, Kind! Schlag nicht die Beine so übereinander, du langes
Ding! Ja, sauge doch nicht an den Nägeln, Kerl! Guck mir doch nicht zum Schlag
hinaus, wenn ich dir's nicht befohlen habe, du -! Ach was, ach was! Nenne mich
meine liebe gnädige Frau! Hm, Hm! Lieb-Jettchen! Zieh mir einmal die Schuhe aus,
ich
