 liebevollsten
Ton. Es wird sich beleben! Es wird sprechen, es wird der Sammelpunkt Ihres
ganzen Menschen werden! Geht es nicht, steht etwas dazwischen, so werden Sie
nichts mehr tun wollen, was nicht auch diesem Bilde gefiele! Sie werden sich
vor ihm eine Magd erscheinen, selbst wenn Sie eine Krone trügen! Sie werden
Ihren Geist unterdrücken, wo nur Ihr Herz nötig ist! Sie werden, sogar leidend,
sich nicht mit andern in stolze Vergleichung bringen! Und will es so nicht
gehen, wie Sie es gern im Leben möchten, immer vergegenwärtigt Maria, was ein
Weib erfahren, was ein Weib überwinden muss, ohne sich zu rächen! Sie vergibt! O
sie vergibt auch Ihnen vieles, denn sie kennt die Schwäche des Weibes; aber sie
vergibt nicht alles. Sie würde nicht jede Ihrer Bitten am Throne ihres Sohnes
auszusprechen übernehmen. Sie besitzt die Schwäche einer Mutter, sie kann von
dem Kind ihrer Liebe Fehltritt über Fehltritt vernehmen und vergibt ihm; aber in
vielen, vielen Dingen verlangt sie eine unbedingte Unterwerfung und ich glaube,
dies ganze, ich sage nicht mystische, sondern einem Spiegel gleichende
Verhältnis zwischen Maria und einem weiblichen Herzen - ich glaube, Sie kennen
es nicht und darin, darin liegt Ihr ganzes Unglück!
    Dumpf vor sich hin sprach Lucinde einen Einwand ... Bonaventura kannte die
Berechtigung dieses Einwandes aus seinem eigenen Leben und empfand ihn jetzt
noch mehr, seitdem ihm so nahe bevorstand seine Mutter wiederzusehen ... Warum
sagte nur Jesus: Weib, was hab' ich mit dir zu schaffen? hatte Lucinde gemurmelt
...
    Bonaventura erwiderte:
    Maria ist keineswegs die letzte Richterin über unsere Seele! Sie ist nur
eine Vorstufe zum Gottestron und allerdings die ihm nächste! Aber ich glaube
nicht, dass die Seele jedes Mannes an ihr Urteil verwiesen ist; sie richtet auch
nicht, sie bittet nur. Nur möcht' ich wiederholt wissen: Sind die Sünden und
Irrtümer, die Sie mir heute gebeichtet, die eines weiblichen Herzens, das mit
der allerseligsten Jungfrau einen innigen Freundschaftsbund schloss? Mir scheint
es, dass Sie vorzugsweise Eine reine, wahre Freundschaft schließen sollten, diese
mit unserer Mutter Maria! Welch ein unschuldiger, edler, froher Sinn würde Sie
plötzlich heiligen! »Maria stand auf, ging eilends über das Gebirge in das Haus
des Zacharias und grüssete Elisabet« ... so steht in der Schrift -
    Und sich unterbrechend erhob sich Bonaventura wie in innigster Freudigkeit
rasch, schlug den Vorhang von einem Büchergestell zurück, suchte eine kurze
Weile nach einem Buch, fand es, kam wieder, schlug es auf, blätterte und las
eine schnell gefundene kurze Erläuterung über den Gruß Mariens an Elisabet,
über den Gruß der Jugend an
