, »aber sie übertrifft manche
große. Sie strebt schlank empor wie Halme die sich wiegen, und gleicht auch den
Halmen darin, dass ihre Bögen so natürlich und leicht aufspringen wie Halme, die
da nicken. Die Rosen in den Fensterbögen, die Verzierungen an den Säulenknäufen,
an den Bogenrippen, so wie die Rose der Turmspitze sind so leicht wie die
verschiedenen Gewächse, die in dem Halmenfelde sich entwickeln.«
    »Darum überkam mich auch wieder ein Gedanke,« antwortete ich, »den ich schon
öfter hatte, dass man nämlich die Fassung von Edelsteinen im Sinne altdeutscher
Baudenkmale einrichten sollte, und dass man dadurch zu schöneren Gestaltungen
käme.«
    »Wenn Ihr den Gedanken so nehmt,« erwiderte er, »dass sich die, welche
Edelsteine fassen, im Sinne der alten Baumeister bilden sollen, welche Würdiges
und Schönes auf einfache und erhebende Art darstellten, so dürftet Ihr, glaube
ich, recht haben. Wenn Ihr aber meint, dass Gestaltungen, welche an
mittelalterlichen Gebäuden vorkommen, im verkleinerten Maßstabe sofort als
Schmuckdinge zu gebrauchen seien, so dürftet Ihr Euch irren.«
    »So habe ich es gemeint«, sagte ich.
    »Wir haben schon einmal über diesen Gegenstand gesprochen,« erwiderte er,
»und ich habe damals selber auf die altertümliche Kunst als die Grundlage von
Schmuck hingewiesen; aber ich habe damit nicht bloß die Baukunst gemeint,
sondern jede Kunst, auch die der Geräte, der Kirchenstoffe, der weltlichen
Stoffe, die Malerkunst, die Bildhauerkunst, die Holzschneidekunst und ähnliches.
Auch habe ich nicht die unmittelbare Nachahmung der Gestaltungen gemeint,
sondern die Erkennung des Geistes, der in diesen Gestaltungen wohnt, das
Erfüllen des Gemütes mit diesem Geiste, und dann das Schaffen in dieser
Erkenntnis und in diesem Erfülltsein. Es steht der Übertragung der baulichen
Gestaltungen auf Schmuck auch ein stoffliches Hindernis entgegen. Die Gebäude,
an denen der Schönheitssinn besonders zur Ausprägung kam, waren immer mehr oder
weniger ernste Gegenstände: Kirchen, Paläste, Brücken, und im Altertume Säulen
und Bögen. Im Mittelalter sind die Kirchen weit das Überwiegende; bleiben wir
also bei ihnen. Um den Ernst und die Würde der Kirche darzustellen, ist der
Stoff nicht gleichgültig, aus dem man sie verfertigt. Man wählte den Stein als
den Stoff, aus dem das Grossartigste und Gewaltigste von dem, was sich erhebt,
besteht, die Gebirge. Er leiht ihnen dort, wo er nicht von Wald oder Rasen
überkleidet ist, sondern nackt zu Tage steht, das erhabenste Ansehen. Daher gibt
er auch der Kirche die Gewalt ihres Eindruckes. Er muss dabei mit seiner
einfachen Oberfläche wirken und darf nicht bemalt oder getüncht sein. Das
Nächste unter dem Emporstrebenden, was sich an das Gebirge anschliesst
