 solchem Abscheu erfüllte, dass sie
auf die Frage, wie sie den Vater liebe, weniger zu antworten wusste, als sie
vielleicht zu einer anderen Zeit, wo das Herz sich freiwillig öffnete, gesagt
hätte. Gegen Kent, der Kordelia verteidigen wollte, watete er, und verbannte ihn
ebenfalls, und so sieht man bei dieser heftigen und kindischen Gemütsart des
Königs üblen Dingen entgegen.
    Ich kannte dieses Schauspiel nicht, und war bald von dem Gange der Handlung
eingenommen.
    Der König wohnt nun mit seinen hundert Rittern im ersten Monate bei der
einen Tochter, um im zweiten dann bei der anderen zu sein, und so abwechselnd
fortzufahren, wies es bedungen war. Die Folgen dieser schwachen Maßregel zeigten
sich auch im Lande. In dem hohen Hause Glosters empört sich ein unehelicher Sohn
gegen den Vater und den rechtmäßigen Bruder und ruft unnatürliche Dinge in die
Welt, da auch in des Königs Hause unnatürliche und unzweckmässige Dinge
geschahen. In dem Hofhalte der Tochter und in der in diesen Hofhalt
eingepflanzten zweiten Hofhaltung des Königs und seiner hundert Ritter entstehen
Anstände und Widrigkeiten, und die Entgegnungen der Tochter gegen das Tun des
Königs und seines Gefolges sind sehr begreiflich, aber fast unheimlich. Beinahe
herzzerreissend ist nun die treuherzige, fast blöde Zuversicht des Königs, womit
er die eine Tochter, die mit schnöden Worten seinen Handlungen entgegen getreten
war, verlässt, um zu der anderen, sanfteren zu gehen, die ihn mit noch härterem
Urteile abweist. Sein Diener ist hier in den Stock geschlagen, er selber findet
keine Aufnahme, weil man nicht vorbereitet ist, weil man die andere Schwester
erwartet, die man aufnehmen muss, man rät dem König, zu der verlassenen Tochter
zurückzukehren und sich ihren Maßregeln zu fügen. Bei dem Könige war vorher
blindes Vertrauen in die Töchter, Übereilung im Urteile gegen Kordelia,
Leichtsinn in Vergebung der Würden: jetzt entsteht Reue, Scham, Wut und Raserei.
Er will nicht zu der Tochter zurückkehren, eher geht er in den Sturm und in das
Ungewitter auf die Heide hinaus, die gegen ihn wüten dürfen, denen er ja nichts
geschenkt hat. Er tritt in die Wüste bei Nacht, Sturm und Ungewitter, der Greis
gibt die weißen Haare den Winden preis, da er auf der Heide vorschreitet, von
niemanden begleitet als von dem Narren, er wirft den Mantel in die Luft, und da
er sich in Ausdrücken erschöpft hat, weiß er nichts mehr als die Worte: Lear!
Lear! Lear! aber in diesem einzigen Worte liegt seine ganze vergangene
Geschichte und liegen seine ganzen gegenwärtigen Gefühle. Er wirft sich später
dem Narren an die Brust und ruft mit Angst: Narr, Narr! ich werde rasend - ich
möchte nicht rasend werden - nur nicht toll
