
durch eigen Verschulden eine Beschämung veranlasst ward; statt mit sich selber
drüber zu grollen, wird allen, die unfreiwillige Zeugen waren, eine bittere
Verstimmung zugewendet, das liebe Menschenherz gesteht sich so schwer, so schwer
die eigene Schwäche, und manchem, der ruhig an Kampf und Totschlag zurückdenkt,
schießt alles Blut zu Haupte beim Gedanken an ein töricht Wort, das ihm an einer
Stelle entfuhr, wo er gern mit einem verständigen geglänzt.
    Darum nahm Gunzo seine Rache an Ekkehard. Und er führte eine scharfe,
tapfere Feder und hatte vieler Monde Frist auf sein Werk verwandt, dass es in
seiner Art ein Meisterstück ward, eine schwarze Suppe von viel hundert gelahrten
Brocken, reichlich gewürzt mit Pfeffer und Wermut und all den Bitterkeiten, die
den Streitschriften geistlicher Herren vor denen anderer so lieblichen Schmack
verleihen.
    Und ging ein wohltuender Zug von Grobheit durchs Ganze, also dass dem Leser
zumut' werden kann, als höre er, wie in naher Scheune ein Mensch mit Flegeln der
Drescher gedroschen werde - was von der feinen Art neuerer Zeit, wo das Gift in
vergüldeten Pillen gereicht wird und die Streiter den Hut voreinand abziehen,
eh' sie anheben, sich die Rippen einzuschlagen, rühmlich absticht.
    Es waren aber zwei Teile, der erste dem Ekkehard zum Nachweis, dass nur ein
roher und unwissender Mensch sich an Verwechslung eines Kasus stoßen könne, der
zweite der Welt zur Überzeugung, dass der Verfasser Gunzo der gelahrteste,
weiseste und frömmste der Zeitgenossen.
    Und darum hatte er im Schweiß seines Angesichtes die Klassiker gelesen und
die heiligen Schriften, dass er alle Stellen verzeichnen möge, in denen
gleichfalls dichterische Laune oder Nachlässigkeit einen fälschlichen
Akkusativus gebraucht. Brachte auch der Beispiele aus Virgilius zwei, aus Homer
eines, aus Terentius eines, aus Priscianus eines, ferner aus Persius eines, wo
ein Vokativ statt eines Nominativ, und aus Sallustius eines, wo ein Ablativ
statt des Genitiv gesetzt ward - desgleichen aus den Büchern Moses und den
Psalmen. »Und, wenn solches sogar in den Reihen heiliger Schriften zu finden,
wer ist so ruchlos, dass er solche Weise des Sprechens zu tadeln wage oder zu
verändern? Mit Falschheit also glaubt des heiligen Gallus Mönchlein, dass mir die
Kunst der Grammatik fern, mag meine Zunge auch dann und wann gehemmt sein durch
die Gewohnheit meiner heimischen Sprache, die der lateinischen nur verwandt ist.
Verstösse aber kommen vor durch Nachlässigkeit und menschliche Unvollendeteit im
allgemeinen, wie Priscianus sehr richtig sagt: Ich glaube nicht, dass von
menschlichen Erfindungen etwas nach allen Teilen Vollendetes erfunden werden
möge. Auch hat schon Horatius Nachlässigkeiten der Schreibart und Sprache bei
bedeutenderen Männern entschuldigt: Zuweilen schlummert auch der gute Homer. Und
Aristoteles sagt in seinem Buch über die hermeneiaA3: Alles,
