 sie nun einmal
für den Flecken klang, der keine Ehrenkrone darin zu sehen gewohnt war, auf die
Länge so unleidlich werden, dass man lieber den Namen des Hauses änderte. Eine
beschränkte Umgebung hindert ja auch den Unbefangensten, das Leben frei
anzuschauen und frisch hineinzugreifen. In kleinen Verhältnissen ist dies nicht
so leicht zu ändern. Ein Volk aber soll seine Wahrzeichen nicht wegwerfen, und
ein Wahrzeichen ist ihm nicht bloß sein Liebling, auf den es stolz ist, ein
Wahrzeichen ist ihm auch der Verbrecher, dessen es sich schämt. Wir mögen ihn
verwünschen und verfluchen, wir mögen ihn aus der Gesellschaft und aus dem Lande
stoßen, wir mögen ihn in der Gruft des lebenslangen Kerkers begraben oder mit
der Maschine töten, die uns ein wenig von der Bildung und noch, mehr von der
selbsttätigeren Kraft unserer Vorfahren unterscheidet - eines können wir ihm
nicht nehmen, ein Gepräge können wir nicht an ihm vernichten. Wir müssen
bekennen:
    Er war unser.
Noch einmal den Vorhang auf und nun das letzte Bild.
 
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Rein und tiefblau, wie er nur in den Mittsommertagen ist, wölbte sich der
Morgenhimmel über der alten winkeligen Stadt. Die Sonne brannte schon in den
ersten Morgenstunden und verkündigte einen heißen Tag. Auf dem Marktplatz vor
dem Ratause stand die Menge dicht gedrängt, in gedankenloser Neugier ein
trauriges Schauspiel erwartend, das ihr Ersatz für die geistigen Bedürfnisse
bieten sollte, die sie durch die sonntägliche Predigt und durch die spärlichen
bürgerlichen Vorkommnisse nicht zureichend befriedigt fühlte. Sie konnte nicht
nach ihrer Weise hin und her wogen, denn es waren ihrer zu viele, die in
festgekeilter Masse geduldig ausharren mussten und nach den Ratausfenstern
emporsahn. Endlich glaubte man an den Fenstern eine Bewegung wahrzunehmen, und
die Bewegung teilte sich alsbald der Menge mit, die nach der Türe des Ratauses
drängte. Ein Bürger, der den Zuschauern im Saale droben vorausgeeilt war,
stürzte heraus. »Es wird gleich angehen«, antwortete er auf die Fragen der
vordersten, die ihn bestürmten: »aber das ist ein Mensch! Ihr hättet ihn sehen
sollen, wie man ihm das Urteil vorgelesen hat. Alles hat gezittert, das ganze
Gericht ist erblasst, nur er ist allein ruhig und unerschrocken dagestanden, und
wie's im Urteil geheißen hat: der Erzböswicht! hat er mit lauter Stimme und
lächelnd gesagt: Der bin ich gewesen.«
    Eine noch stärkere Bewegung kam unter die Menge, welche das Geräusch der
Kommenden aus dem Innern des Ratauses vernahm. Sie wich zurück, denn die
ersten, die herauskamen, waren Gerichtsdiener, die sie barsch und grob auf die
Seite trieben. Auf diese folgte, von Wachen umgeben, gefesselt und gebunden, der
arme Sünder, der aber nicht wie ein solcher aussah
