, der Zigeuner habe
zu einem solchen gemächlichen Leben nicht so viel Genie als irgend jemand in der
Christenheit?«
    »Mir zweifelt's gar nicht!« lachte Friedrich. - »Aber jetzt kann ich auch
auf einmal begreifen, warum du es für so schandhaft hältst, wenn von euch einer
seinem eigenen Vater etwas nehmen würde, und an diesem Beispiel wird mir's klar,
dass du eigentlich Ehr im Leibe hast. Denn die Moral ist bei euch im Grund die
nämliche wie bei uns, nur dass sie natürlicherweise umgekehrt ist.«
    Mit diesen Worten, die zwar keine klare Anschauung des Standpunkts, aber
doch eine gewisse Ahnung desselben verrieten, suchte er die obschwebende
Streitfrage zu lösen. »Aber es wird spät«, fuhr er fort, »und wenn wir die
Buttel auch auswinden wie ein Leintuch in der Wäsche, so pressen wir doch keinen
Tropfen mehr raus. Weißt was? Komm du mit mir über Ebersbach, ich will dir einen
heidenmässigen Kirschengeist einschenken zur inwendigen Kur. Ob du links am
Staufen vorbeigehst oder rechts, das ist gehopft wie gesprungen.«
    »Ja, es ist am End ein Ding«, entschied sich der Zigeuner, »und auf eine
Stunde soll mir's nicht ankommen.«
    Die beiden jungen Burschen erhoben sich und stiegen die gelinden Anhöhen
hinab, an deren Fuße das Filstal sich gegen den Neckar öffnet. Wohlgemut
schlenderten sie die Straße an dem Flüsschen aufwärts; der Zigeuner pfiff
gellende Weisen, Friedrich aber schwieg still, und unter seiner breiten Stirne
schien ein mächtiger Gedanke zu arbeiten. Die Worte des Waisenpfarrers gingen
ihm im Sinne herum; das Vertrauen des ehrwürdigen alten Mannes hatte ihn stolz
gemacht, und es war ihm zumute, als ob er gar nichts nötig hätte als ein bisschen
guten Willen, um ein großes Werk zustande zu bringen.
    Sie waren wohl eine gute Stunde so zugeschritten, ohne ein Wort miteinander
zu reden, als Friedrich auf einmal stehenblieb und seinen Gefährten kräftig am
Arme fasste. »Und ich sag dir«, rief er, »du bleibst bei mir! Ich will dir
zeigen, dass ich auch ein guter Christ bin. Wenn ich dein armes verstossenes Volk
in das Erbe einsetzen könnte, das von Gott und Rechts wegen einem so gut gehört
wie dem andern - mit einem Schlag wollt ich das tun. Nun kann ich aber weiter
nichts, als an einem einzelnen, der mir unter die Hände kommt, ein christlich
Werk verrichten. Du gehst mit mir, da ist keine Widerrede, die Sonne von
Ebersbach hat Raum für viele! Da wird sich schon ein Plätzlein für dich finden
im Haus und ein Stuhl am Tisch und ein Brocken in der Schüssel. Zu tun gibt's
