 abscheulich
geschrieben, sowohl was die Handschrift, als was die Rechtschreibung betraf;
jene stellte in Unbehilflichkeit und Verworrenheit das gerade Gegenteil von der
zierlichen Gestalt der Schreiberin dar, und die Gesetze der Rechtschreibung
hatte sie erbarmungslos misshandelt, mit ganzen Buchstaben gegeizt und andere am
unrechten Orte verschwendet, so dass man, um den Sinn des Schreibens zu
verstehen, mehr dem Laut als den Schriftzeichen nach lesen musste. Friedrich
hatte, wie bereits bemerkt, alles gelernt, was ihm die Schule bieten konnte;
sein Vater hatte ihn nach der Konfirmation noch ein Jahr lang im Hause des
Schulmeisters untergebracht, um den durch den Tod seiner Mutter meisterlos
gewordenen und im Wirtshaustreiben der Verwilderung anheimfallenden Knaben unter
eine gleichmäßige Zucht zu bringen; und er schrieb seinen Brief oder Aufsatz,
der Bildung der Zeit gemäß, so gut als irgendein anderer. Ohne Zweifel
erblickten der Pfarrer und Amtmann zwischen ihrer und seiner Bildung eine breite
Kluft: wenn man aber auf der heutigen Bildungsstufe das, was von seiner Hand
aufbewahrt worden ist, mit den Bildungsurkunden von der Hand seiner Vorgesetzten
vergleicht, so merkt man kaum einen Unterschied; denn man findet bei ihm nicht
häufig Fehler, und auch sie schreiben keineswegs ganz fehlerfrei. Dagegen war
seine Art zu schreiben und Christinens Brief wie Tag und Nacht oder, wie eine
Hühnerpfote von einer menschlichen Hand absticht; und so gewiss ein warmer
Körper, wenn man ihn mit kaltem Wasser übergiesst, von einer unangenehmen
Empfindung befallen wird, so gewiss ist es, dass ein Liebender, der einigermaßen
schulgerecht schreiben kann, im höchsten Feuer seiner Neigung wenigstens für
einen Augenblick abgekühlt wird, wenn der Gegenstand derselben, den er doch
bewusst oder unbewusst als etwas Vollkommenes verehrt, die Erwiderung nur in eine
unschöne und stümperhafte Form zu kleiden vermag. Aber die Liebe führt auch eine
gewaltsame Begeisterung mit sich, welche derlei ungleiche Gefühle, so wie sie
aufsteigen wollen, rasch wieder zu unterdrücken weiß, zumal wo die Liebe die
Blüte eines rauen und kräftigen Willens ist, der ohnehin keinen Widerspruch
duldet. Doch auch das Gewand der Demut muss sich dazu hergeben, den Misston
einzuhüllen: wenn der Liebende entdeckt, dass sein Inbegriff aller Vollkommenheit
auch einige Unvollkommenheiten in sich mitbegreift, so beruhigt er sich bei dem
Zugeständnis, dass ja auch er nicht ganz untadelhaft sei und folglich nicht das
Recht habe, von seiner Geliebten vollendete Mangellosigkeit zu verlangen; und
diese Beruhigung dauert mit besonderer Festigkeit, solange, als die Sehnsucht
nicht erfüllt ist, solange das frische Gesicht und die reizende Gestalt noch als
etwas Vorentaltenes vor der Seele des Sehnenden schweben. Zudem liest ein
Liebender nicht bloß den Schriftzeichen und dem Laute nach, er liest vornehmlich
auch mit dem Herzen, und diesem sagte das hübsche junge Mädchen in seinem armen
schlechten Briefe so
