 nehmen.«
    Bei diesen Worten traten sie in die Weinstube des Italieners, wurden von
Feroni mit tiefen Bücklingen empfangen und vertieften sich schnell in
Untersuchungen über die Reize der schweren Weine von Portugal.
    Frau von Baldereck war eine Hauptstütze der allerbesten Gesellschaft, welche
durch die Familien des Landadels, einige höhere Beamte und Offiziere gebildet
wurde. Es war schwer zu sagen, welche Vorzüge der Dame eine solche
achtunggebietende Stellung verschafft hatten; sie war weder sehr vornehm, noch
sehr reich, noch sehr elegant, noch sehr geistreich, noch sehr medisant, aber
sie besaß von allen diesen Eigenschaften etwas. Sie hatte in ihrem Privatleben
stets soviel als irgend möglich auf Grundsätze gehalten und hatte das
Selbstgefühl gehabt, sich den Anspruchsvollen niemals aufzudrängen. Wegen dieser
konstanten Mäßigung war sie von der öffentlichen Meinung erhöht worden. Sie
besaß eine sehr ausgebreitete Bekanntschaft, war vertraut mit allen Heiraten und
Verwandtschaften aller Familien der Provinz, stand in allen distinguierten
Häusern auf der ersten Seite der Einzuladenden und machte als Witwe selbst ein
mässiges Haus, welchem der Hahnfederbusch eines Jägers und zwei fette Rappen zu
anständigem Schmuck gereichten. Frau von Baldereck war nach alledem eine
regelrechte Dame, welche Personen und Ereignisse scharf und genau nach den
Vorurteilen der Gesellschaft, in welcher sie lebte, zu beurteilen wusste; deshalb
wurde ihr Urteil überall mit großer Achtung angehört. Dass sie außerdem nicht
ohne Gutmütigkeit war, rechnete ihr die Gesellschaft, für welche sie lebte,
wahrscheinlich nicht so hoch an, als der alte Engel des Gerichts, welcher im
Himmel über die Taten der Menschen Buch führt, und welcher, nebenbei bemerkt,
nach der Usance seines heiligen Geschäfts oben auf die Seiten des Buches statt
des irdischen Kredit und Debet die Wörter Schaf und Bock zu schreiben pflegt und
alle Kreditposten auf die rechte Seite, die Böcke aber auf die linke setzt. -
Sie hatte eine junge Tochter, welche ihr sehr ähnlich zu werden versprach, und
bewohnte einen ersten Stock mit großen Zimmern, worin seit einer Reihe von
Jahren häufige Proben von Aufzügen, dramatischen Vorstellungen und lebenden
Bildern abgehalten wurden.
    Die einflussreiche Dame war gerade in vertraulicher Beratung mit einer
Schneiderin, sie überlegte, wie tief der Ausschnitt der Kleider eingerichtet
werden dürfe, um die tadellose Büste ihrer Tochter im besten Licht zu zeigen,
und doch wieder in der Tanzstunde keinen Anstoß zu erregen, als Fink, ihr
Liebling, gemeldet wurde. Eilig schob sie die Tochter, die Schneiderin und die
Kleider beiseite und erschien in dem Besuchszimmer mit der Gemütlichkeit einer
Hausfrau, welche für sich selbst nicht mehr übermäßige Ansprüche macht.
    Nach den einleitenden Bemerkungen über die Ereignisse der letzten
Abendgesellschaft und die langen Hängelocken der Komtesse Pontak sagte Fink,
indem er angelegentlich einen Fussschemel malträtierte, auf welchem ein
schlafender Pinscher, von der
