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    Es unterliegt keinem Zweifel, dass das Bombardement, von Odessa eine von
London her befohlene Revange für die Schlappe von Sinope war. England konnte es
nicht ertragen, dass Russland einen, Seesieg erfochten haben sollte, und die
englischen und französischen Journale wetteiferten mit einander, den offenen und
ehrlichen Angriff auf die feindliche, in feindlichen Handlungen beschäftigte
türkische Flotte, wobei durch die Stellung derselben ein Teil der nahen
Türkenstadt notwendiger Weise von den russischen Kugeln bestrichen werden
musste, für eine Handlung der Barbarei auszugeben, »wie sie in der Kriegsführung
civilisirter Nationen unerhört sei!«
    Durch diese - gegenüber dem späteren Verfahren, namentlich der englischen
Flotte im Schwarzen Meere und der Ostsee, mehr als verächtlichen - Rodomontaden
suchte man sich zu einem Rächer der beleidigten Zivilisation zu stempeln, eine
Phrase, die in dem orientalischen Kriege überhaupt zum Überdruss albern
gebraucht worden ist, um unter dieser Firma eine Reihe von wirklich bisher in
der Kriegsführung civilisirter Nationen unerhörter Handlungen zu begehen, indem
man neben einem Raub- und Plünderungssystem zur See alle irgend zugangbaren
unbewaffneten und unbeschützten Orte und Vorräte nutzlos zerstörte, die
Hunderttausenden hätten Nahrung geben können!
    Die englischen Schiffe betrachteten es, wie gesagt, offenbar als ihre
Hauptaufgabe, die russischen Handels-Etablissements zu vernichten, und mit
welchem Ruhm auch die Landheere Frankreichs und zum Teil auch Englands vor
Sebastopol sich bedeckt haben, die Taten der Flotte bleiben schmachvoll
aufgezeichnet im Buche der Geschichte.
    Der erste Schlag sollte gegen Odessa geführt werden, die Handelskönigin des
Schwarzen Meeres, die Kornkammer eines großen Teils von Europa. Die
Veranlassung war leicht gefunden in der mutwillig herbeigeführten Beschiessung
des Parlamentairschiffes, das offenbar den Auftrag des Spionirens oder des
Zankapfels hatte. Dass das Bombardement bereits vor allen Erörterungen mit den
russischen Behörden beschlossen war, zeigen die einzelnen Daten der Operationen
und die bereits am 14. und 15. vorgenommenen Probebeschiessungen.
    Unsere Leser wissen, dass wir uns im Laufe dieses Buches auf einem möglichst
unparteiischen Standpunkte gehalten haben, aber wir glauben auch dadurch
berechtigt zu sein, nach unserer Überzeugung ein hartes und scharfes Urteil an
bestimmten Orten auszusprechen.
    Wir haben bereits erwähnt, dass das Bombardement schon beschlossen und die
Korrespondenz der Vice-Admirale daher nur eine Sache der Formalität war. Die
Auslieferung der Schiffe wäre eine Feigheit gewesen, deren sich kein Soldat
schuldig gemacht hätte, die angemessene und der militairischen Ehre
entsprechende Konsequenz der angedrohten Gewalt aber blieb das »Herausholen« der
geforderten Schiffe.
    Auf beiden Seiten wurde die Nacht mit den Vorbereitungen des Angriffs und
des Widerstandes verbracht.
    Am Sonnabend den 22. Morgens 61/2 Uhr gingen nach den Dispositionen der
beiden Vice-Admirale die zum Angriff bestimmten acht Dampffregatten - fünf
englische und drei französische - gegen den Hafen
