 jenen
melancholischen Blick der Seelenapatie zeigte. Es ist gewöhnlich zu Boden
geschlagen, oder wenn es erhoben wird, starr und kalt; nur selten sprüht ein
Blitz der Leidenschaft oder des Bewusstseins der Macht daraus hervor, und dann
wird es dem scharfen wilden Auge seines großen Vaters ähnlich.
    Der Sultan trug die halb europäische Kleidung: weiße Pantalons, darüber
einen zugeknöpften indigoblauen Rock mit steifem Kragen und den roten Fess,
statt der gewöhnlichen schwarzen lackirten Stiefeln25 jedoch gelbe Pantoffeln.
Die einzige Auszeichnung, die ihn schmückte, war ein mit großen Diamanten
besetztes Brustschild, da wo der Rockkragen sich schloss. Alle seine Begleiter
trugen gleichfalls den abscheulichen Fess, diese unkleidsame und zweckwidrige
Tracht, welche die Reform des verstorbenen Sultans für die Civilbeamten und das
Militär eingeführt hat. Mit dem letzten Janitscharen sank die malerische
Kleidung der türkischen Krieger.
    Als der Grossherr über die Schwelle des unteren Gemachs trat, fiel die Reihe
der Dienerinnen und Eunuchen knieend zu Boden, mit der Stirn fast die Erde
berührend, auch die Odalisken beugten sich tief und verharrten, Alle das »Selam
Aleikum«26 murmelnd, in dieser Stellung, bis der Sultan, der nie den Gruß eines
Untertanen erwidern darf, durch ihre Reihe hin- und zu dem Ehrensitz in der
Ecke geschritten war, auf dem er Platz nahm. Ein rascher kurzer Seitenblick, als
er an Mariam vorüberging, der nicht bloß von dieser, sondern auch von den beiden
Sultaninnen sehr wohl bemerkt worden war, bewies, dass er trotz seiner äußern
Gleichgültigkeit auf seine Umgebung achtete. -
    Der jetzige Grossherr hat, wie gesagt, in seinem Wesen keineswegs das
Entschlossene, Gebietende des Despoten, was man wohl an dem unumschränkten
Herrscher des Orients erwartet und was in den meisten Gliedern seiner Familie
ausgeprägt war. Vielmehr liegt etwas Schüchternes, Unentschlossenes in seinem
Wesen und er ist nicht einmal der Gebieter in seinem Harem. Die Erfahrungen
seiner Jugend mögen daran schuld sein, zuerst der Druck seines despotischen,
keinen Willen neben dem seinen duldenden Vaters, und die Erziehung nicht im
Feldlager, sondern im Harem, in dessen Genüsse er bereits mit seinem dreizehnten
Jahre eingeweiht wurde. Etwa anderthalb Jahre vor seinem Tode27 schenkte ihm
Sultan Mahmud eine wunderschöne Circassierin, zu welcher der Jüngling eine
heftige Liebe fasste, die bald auch Folgen hatte. Wir haben oben bereits das
unnatürliche Regierungsprinzip erwähnt, dass die Söhne und Brüder des Sultans bei
seinen Lebzeiten keine Kinder haben dürfen. Die Circassierin weigerte sich,
eines jener abscheulichen Mittel anzuwenden, welches das Kind unter ihrem Herzen
töten sollte, und der Prinz konnte sich nicht entschließen, sie dazu zu
zwingen. Er rechnete auf den Tod des Sultans, der sich bekanntlich dein Trunk
ergeben und schon mehrere Anfälle des delirium tremens gehabt hatte, um dann als
Herr
