 ihre Versorgerin jetzt angezündet und auf den Tisch gestellt hatte, durch
die Schatten des niederen, dumpfen und ungesunden Gemaches auf sie fiel.
    Neben dem Himmelbett an der Wand stand eine Wiege von Kiefernholz, rotbraun
gebeizt, deren Betten von etwas reinlicherem Ansehen waren, als das allgemeine
Lager der unglücklichen Früchte leichtsinniger Stunden oder trauriger
Verhältnisse. Ein Rohrgeflecht mit alter Leinwand überzogen, überspannte das
Kopfende der Wiege.
    Auf diese, vom mütterlichen Instinkt getrieben, stürzte die junge Dame zu
und warf sich vor ihr auf die Kniee. Ein junges, etwa fünf Monate altes Kind mit
einem Engelgesichtchen lag schlafend darin. Der Major war ihr gefolgt, auch das
Weib mit der Lampe, deren Schein sie mit der Hand verhüllte, während sie ihn in
gemeiner Neugier immer so zu wenden suchte, dass er das Gesicht der durch Kapuze
und Schleier Verhüllten treffen sollte. -
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    Wir müssen einige Augenblicke in der Erzählung inne halten, um wenige Worte
dem traurigen Verhältnis im Allgemeinen zu widmen, das sie uns vorgeführt hat.
    Es gibt in Berlin eine ganze Klasse von Frauen der unteren Stände, die den
Namen »Haltefrauen« führen und ihren Lebensunterhalt dann finden, dass sie mit
obrigkeitlicher Genehmigung verlassene Kinder vom zartesten Alter, oft von ihrer
Geburt an, gegen ein Entgelt in Pflege nehmen. Diese Kinder sind entweder
solche, welche die Armenpflege der Kommune die Pflicht hat, unterzubringen, oder
jene armen Geschöpfe, deren erstes Lächeln an die Welt mit Tränen begrüßt wird,
Kinder der Üppigkeit, der Verführung, des Augenblicks, der Schuld und der
Liebe, - arme kleine Wesen, deren Dasein nach kurzem Rausch meist mit
unsäglicher Angst, mit unbeschreiblichen Schmerzen und Demütigungen erkauft
wird, - arme zarte Kinder, die von der Natur den gleichen heiligen Anspruch an
die Sorge und Pflege der Mutter haben, und von der bürgerlichen Gesellschaft
doch mit Gewalt von der Brust dieser Mutter gerissen werden zu einem Kampf -
sie, die Unmündigen, Kraftlosen - um Leben und Dasein mit der Barmherzigkeit
oder vielmehr der Unbarmherzigkeit und dem Eigennutz Fremder.
    Es ist unvermeidlich, - wir wollen nicht sagen natürlich, dass in einer Stadt
von fast einer halben Million Einwohnern, in der namentlich Massen junger
unverheirateter und noch heiratsunfähiger Personen zusammengedrängt sind, die
unehelichen Kinder sehr zahlreich sind. In Berlin die Schuld auf eines oder das
andere Geschlecht zu werfen, ist sehr schwer, die Verführung ist offenbar groß,
aber auch die Raffinerie von der anderen Seite war bei der früheren, jetzt
geänderten Gesetzgebung ein förmliches Gewerbe. Dennoch ließ sich noch immer zur
Ehre der menschlichen Gesellschaft und der allgemeinen Moralität annehmen,
