 der auf einem grünen Aste in der Wildnis
sitzt und mit seinem monotonen, tiefen und klassischen Gesang den Gott aus der
Menschenbrust wegsingt! Glaubt man nicht, ihn zu hören, wenn wir die Verse
lesen:
Ich bin so groß als Gott, Er ist als ich so klein:
Er kann nicht über mich, ich unter Ihm nicht sein.
Ferner:
Ich weiß, dass ohne mich Gott nicht ein Nun kann leben,
Werd ich zunicht, er muss vor Not den Geist aufgeben.
Auch dies:
Dass Gott so selig ist und lebt ohn Verlangen,
Hat Er sowohl von mir als ich von Ihm empfangen.
Und wie einfach wahr findet man das Wesen der Zeit besungen, wenn man das
Sinngedichtchen liest:
                           Man muss sich überschwenken
Mensch! wo du deinen Geist schwingst über Ort und Zeit,
So kannst du jeden Blick sein in der Ewigkeit.
Besonders aber dies:
                            Der Mensch ist Ewigkeit
Ich selbst bin Ewigkeit, wenn ich die Zeit verlasse
Und mich in Gott und Gott in mich zusammenfasse.
Alles dies macht beinahe vollständig den Eindruck, als ob der gute Angelus nur
heute zu leben brauchte und er nur einiger veränderter äußerer Schicksale
bedürfte, und der kräftige Gottesschauer wäre ein ebenso kräftiger und
schwungvoller Nichtschauer und Feuerbachianer!«
    »Das wird mir denn doch zu bunt«, schrie der Pfarrer, »aber Sie vergessen
nur, dass es zu Schefflers Zeiten denn doch auch schon Denker, Philosophen und
besonders auch Reformatoren gegeben hat und dass, wenn eine kleinste Ader von
Verneinung oder liberaler Humanität in ihm gewesen wäre, er schon vollkommen
Gelegenheit gehabt hätte, sie auszubilden!«
    »Sie haben recht!« erwiderte Heinrich, »aber nicht ganz in Ihrem Sinne. Was
ihn abgehalten hätte und wahrscheinlich noch heute abhalten würde, ist der Gran
von Frivolität und Geistreichigkeit, mit welcher sein glühender Mystizismus
versetzt ist; diese kleinen Elementchen würden ihn bei aller Energie des
Gedankens auch jetzt noch im mystischen Lager festhalten!«
    
    »Frivolität!« rief der Pfarrer, »immer besser! Was wollen Sie damit sagen?«
    »Auf dem Titel«, versetzte Heinrich, »benennt der fromme Dichter sein Buch
mit dem Zusatz Geistreiche Sinn- und Schlussreime. Allerdings bedeutet das Wort
geistreich im damaligen Sprachgebrauch etwas anderes als heutzutage; wenn wir
aber das Büchlein aufmerksam durchgehen, so finden wir, dass es in der Tat auch
im heutigen Sinne etwas allzu geistreich und zuwenig einfach ist, so dass jene
Bezeichnung jetzt wie eine ironische, aber richtige Vorbedeutung erscheint. Dann
sehen Sie aber die Widmung an, die Dedikation an den lieben Gott, worin der Mann
seine hübschen Verse Gott dediziert, indem er ganz die Form nachahmt, selbst im
Drucke, in welcher man dazumal großen Herren
