 und
klar ausgefüllt, so dass keine nichtssagenden und verworrenen Stellen
übrigblieben. Großes Vergnügen gewährte es mir, wenn ich einen oder einige
Gegenstände, zu denen die vorliegenden Studien im Licht gehalten waren, in
Schatten setzen musste oder umgekehrt, wo dann durch eigenes Nachdenken und
Berechnung ein Neues und doch einzig Notwendiges bezweckt wurde, nach den
Bedingungen der Lokalfarbe, der Tageszeit, des blauen oder bewölkten Himmels und
der benachbarten Gegenstände, welche mehr oder weniger Licht und Farbe
zurückwerfen mussten. Gelang es mir, den wahrscheinlichen Ton zu treffen, der
unter ähnlichen Verhältnissen über der Natur selbst geschwebt hätte - was man
gleich sah, indem ein wahrer Ton immer einen ganz eigentümlichen Zauber übt - ,
so beschlich mich ein panteistisch stolzes Gefühl, in welchem mir meine
Erfahrung und das Weben der Natur eins zu sein schienen. Dazu war es höchst
vergnüglich, in Gedanken um einen schönen gemalten Baum herumzugehen und seine
andere Seite zu betrachten, um zu ermessen, wieviel Licht sie wohl auf einen
benachbarten Baum werfen könne. Ich sah dann allerlei Geheimnisse um Äste
säuseln, die nicht auf dem Papiere waren, und guckte auf diesen Wanderungen auch
nebenaus in verborgene Winkel und Gründe der Landschaft. Dies war besonders im
Winter sehr angenehm, wenn die Schneeflocken vor dem Fenster tanzten.
    Allein das Vergnügen wurde bald schwieriger, als umfang- und inhaltsreichere
Sachen unternommen wurden und, durch diese Tätigkeit hervorgerufen, trotz
Goethe, Natur und gutem Lehrer, meine Erfindungslust wieder auftauchte und
überwucherte. Das gewichtige Wort Komponieren summte mir mit prahlerischem Klang
in den Ohren, und ich ließ, als ich nun förmliche Skizzen entwarf, die zur
Ausführung bestimmt waren, meinem Hange den Zügel schießen. Überall suchte ich
poetische Winkel und Plätzchen, geistreiche Beziehungen und Bedeutungen
anzubringen, welche mit der erforderlichen Ruhe und Einfachheit in Widerspruch
gerieten. Römer ließ mich eine solche Skizze unbeschnitten ausführen und das
Bild nach allen Erfahrungen des Naturstudiums und der Technik fertig machen, und
als das Machwerk mir selbst nicht behagen wollte, ohne dass ich wusste warum,
zeigte er mir triumphierend, dass die technischen Mittel und die Naturwahrheiten
im einzelnen der anspruchsvollen und gesuchten Komposition wegen keine Wirkung
tun, zu keiner Gesamtwahrheit werden könnten und um meine hervorstechende
Zeichnung hingen wie bunte Flitter um ein Gerippe, ja dass sogar im einzelnen
keine frische Wahrheit möglich sei, auch bei dem besten Willen nicht, weil vor
der überwiegenden Erfindung vor dem anmassenden Spiritualismus (wie er sich
ausdrückte) die Naturfrische sich sogleich sozusagen aus der Pinselspitze in den
Pinselstiel spröde zurückziehe.
    »Es gibt allerdings«, sagte Römer, »eine Richtung, deren Hauptgewicht auf
der Erfindung, auf Kosten der unmittelbaren Wahrheit, beruht. Solche Bilder
sehen aber eher wie geschriebene Gedichte als wie wirkliche Bilder aus, wie es
