 eine Lobrede auf den Horaz zu folgen, die aber von der
Geheimrätin an einem bestimmten Wendepunkte mit einer praktischen Bemerkung auf
etwas anderes übergeleitet ward. Der Geheimrat wusste es, lächelte, schwieg und
war eigentlich zufrieden. In der Hauptsache aber waren sie zu einem Akkord
gekommen. Seine Ausgaben des Horaz, die auf einer Reihe niedriger Regale wie
eine Art Schirmwand um den Arbeitstisch standen, durfte die Frau wöchentlich
einmal abstäuben; aber nur sie selbst und mit einem weichen Pfauenwedel. Sie
nahm jeden Band einzeln heraus, trug ihn in das Vorzimmer und fegte ihn am
geöffneten Fenster. Da lächelte er zufrieden, die andern Bücher, die hinten bis
an die Decke die Zimmerwände füllten, sollten nur dann und wann, und nur ganz
oberflächlich abgestäubt werden. Auch sollten dazu sonnige Tage abgewartet
werden, weil die Sonne den Staub niederdrückt. Die Horazregale sollten dabei mit
Leinentüchern überdeckt, und der Geheimrat selbst jedesmal vorher avertirt
werden, um zu untersuchen, ob es nötig sei. - Ob diese Bedingungen streng inne
gehalten wurden, bleibt ein häusliches Geheimnis. Die letzte gewiss nicht, denn
der Geheimrat hätte es nie für nötig gefunden.
    Aber der Eifer der Geheimrätin musste nachgelassen haben; die Luft
verriet, dass die Fenster sehr lange nicht geöffnet worden. Der chromatische
Farbenspiegel der Scheiben, und die Spinneweben an den Fensterecken gaben den
vollgültigsten Beweis dafür, dass, wie alle Passionen, auch die des
Reinlichkeitssinnes einem Wechsel unterworfen sind. Oder waren es andere Gründe?
Grade diese Spinnen, der schillernde Glanz der Scheiben, der Duft des
Unberührtseins war es, was dem Zimmer den Charakter sonntäglicher Heimlichkeit
gab. Wohlverstanden der sonntäglichen Heimlichkeit einer alten deutschen
Gelehrtenstube, in welche der Qualm des Tabaks noch nicht eingedrungen und den
Büchergeruch noch nicht niedergedrückt hat. Und ganz zu dieser Stube, will man
sagen wie die Seele zum Körper, oder die Spinne in ihrem Netze, passte die
Gestalt des Geheimrates, der den Kopf im Ellnbogen und den Ellnbogen auf einem
Folianten in ihrer Mitte saß, wohlgefällig, zufrieden, schlau lächelnd.
    So hatte er das Wort gesprochen: »Und wir behalten Frieden und Alles bleibt
beim Alten!« als ein Seufzer aus der tiefen Stille des Zimmers ihm antwortete.
    Der Geheimrat glaubte an keine Gespenster, er sah auch nach keinem, als
sein schlauer Blick über das Regal, welches die Zweibrückner Horaze trug, auf
die schweinslederne Hinterwand fiel, wo Jemand auf der Leiter einen Folianten in
der Hand wiegte.
    »Gehören Sie auch zur Kriegspartei, mein Herr van Asten?«
    »Ich bin ein stiller Civilist, Herr Geheimrat,« war die Antwort.
    »Wozu beschweren Sie sich denn aber da mit dem Hugo Grotius? Sein de jure
gentium gehört doch sonst nicht zu Ihren
