 mir fast
das Herz ab.« Uli war nicht hart, stieß das sich öffnende Herz nicht wieder zu,
und warum? Weil Vreneli nicht alle Tage jammerte, weil dieser unwillkürliche
Ausbruch der erste dieser Art war, welchen Uli erlebte. Wer alle Tage Pillen
schlucken muss, den widern sie entweder so an, dass er das Gesicht jämmerlich
verzieht oder kaltblütig schluckt, als ob es gewöhnliche Brotkügelchen wären.
Uli war auf eine gewisse Weise freudig erschrocken. Er hatte Vrenelis
Freundlichkeit nicht begriffen, sie nicht selten für Gleichgültigkeit,
Leichtsinn oder gar Bosheit genommen.
    Es geht so, wenn man nicht alle Tage zusammen ein traulich Wort spricht oder
nicht in einem Höhern den Einklang findet. Es geht so in der Richtung dieser
Zeit, wo jeder Lümmel jeden, der nicht in sein Horn bläst, nicht bloß für einen
Esel, sondern für seinen Todfeind hält, in der Richtung dieser Zeit, wo der
dreckigste Kuhjunge oder der vierschrötigste Bärenwirt mit Dolch und Pistolen
umherfährt und jeden ersticht und dann erschiesst, der nicht Gax nachsagt, wenn
er Gix vorgesagt; es geht so bei der zunehmenden Dummheit, welche man für
Weisheit hält, welche aber nichts ist als die eintönigste Janitscharenmusik,
verbunden mit Spiessen, Hängen und Kopfrunter, wenn einer einen Ton fehlt. Es
reißt eine Intoleranz ein, gegen welche die der Pharisäer ein Liebkosen war,
welche alle Gebärden der französischen Revolutionsmänner nachäfft. Es ist aber
kurios, wenn mal dieser Wind weht, man heißt ihn den Zeitgeist, so wird alles
davon ergriffen mehr oder weniger, jeder in seinem Verhältnis. Wer hat schon
einen großen Wirbel in einem Fluße gesehen, oder wenn man will einen
Wasserfall, den Rheinfall zum Beispiel? Da kommen die Wasser angezogen, klar,
ruhig, majestätisch. Wie sie in Bereich des Wirbels kommen, werden sie unruhig,
verlassen den natürlichen Lauf, müssen in den Wirbel hin, ein, müssen schäumen,
sich drehen, müssen auf den Grund. Allmählich löst sich der Zwang, sie werden
frei, ziehen weiter, aber noch schäumend, kochend, bis allmählich die Ruhe
wiederkehrt, der feierliche Gang, die majestätische Haltung. Solche Wirbel sind
auch im Strome der Zeiten, und wenn der Mensch je als Tropfen eines Meers
erscheint, so ist es im Zwange dieser Wirbel, und dieser Zwang herrscht nicht
bloß in der Mitte der Strömung, wo die hohen Häupter schwimmen, die sogenannten
Lichter des Jahrhunderts. Ach nein, und dieses ist eben das Erbärmliche und
Demütigende: ins gleiche Loch werden gewirbelt die Grössten, die Kuhjungen, die
Irländer, die Waadtländer und Hausväter, welchen die Weiber nicht Gix nachsagen
wollen, wenn sie Gax vorgesagt, und Hausweiber, welche Zeter schreien, wenn der
Mann nicht alle anspuckt
