 den herabrieselnden
feinen Nebelregen noch mehr verdüstert.
    Auf der Balustrade der Tribüne, den linken Arm um den Pfeiler geschlungen,
stand ein junger Mann, welcher mit lauter, fast schreiender Stimme die an den
König gerichtete Adresse verlas, welche nun, da der König die zur Überbringung
derselben gewählte Deputation nicht empfangen wollte, auf anderm Wege an ihn
abgesandt werden sollte. Man hatte die Stadtverordneten, welche ebenfalls eine
Adresse vorbereitet hatten, ersucht, die von der Volksversammlung beschlossene
der ihrigen beizulegen. Dies war abgeschlagen worden. Es traten Redner auf,
welche für Wiederholung des Gesuchs um eine Audienz sprachen. Andere erklärten
offen, man müsse für die Deputation eine Audienz erzwingen, und schlugen daher
eine Ministerpetition vor. Wie gewöhnlich bei solchen Versammlungen ernteten
auch hier die extremsten Redner den meisten Beifall.
    Diese psychologische merkwürdige Tatsache lässt sich aus demselben Grunde
erklären, der uns den Aufenthalt in warmen Zimmern desto angenehmer macht, je
drohender draußen der Sturm tobt und der Regen die Fensterladen peitscht. Der
Wanderer draußen hat natürlich einen andern Begriff davon. Es beruht dies nur
auf »Ansichten.« Die Petition wurde also beschlossen. Gegen 12 Uhr trennte sich
die Menge, und zog in großen Trupps singend und disputirend dem Tore zu.
    - Welches Prognostikon stellen Sie dieser Bewegung? - fragte Herr v. M...
den Prinzen, indem sie sich von dem Strome des Volks mitforttragen ließ.
    - Ich muss gestehen, dass trotz des vielen Unpolitischen, Übertriebenen und
Abenteuerlichen in ihrer Begeisterung die Menge dennoch ein - wenn auch nur
halbbewusstes - Bedürfnis ihrer politischen Rechte fühlt. Und dann liegt in der
Macht, welche ein Gedanke, wie absurd er auch sonst sein mag, auf eine große
Menge ausübt, sie wie ein Mann zu fühlen und zu denken zwingt, immer etwas
Imposantes, selbst Ehrfurchtgebietendes für mich. Und Sie?
    - Sie sind glücklich, sich so in die objektive Gegenwart vertiefen zu
können. Ich habe denselben Eindruck gehabt wie Sie, aber es war kein
erfreulicher. Ich denke mit bangem Herzen an die Ströme Blutes, welche dieser
Enthusiasmus der Menge für eine politische Idee als Konsequenz fordern wird.
    - Sie sehen zu schwarz - mein Lieber. -
    Herr v. M. lächelte. Ein Vorwurf, der mir in diesem Falle schmeichelhafter
ist, als Sie denken. Denn es liegt darin die Anerkennung, dass das
Polizeihandwerk mich nicht bornirt hat. Aber im Ernste: ich bin fest überzeugt,
dass die Begeisterung des heutigen Abends das Signal zu einem Bürgerkriege sein
wird, dessen Ende sehr zweifelhaft sein dürfte. Oder glauben Sie, dass das einmal
erwachte Rechts- und Freiheitsbewusstsein des Volks sich eben so leicht wieder in
Fesseln schlagen lässt, als es in den Fesseln zu halten war?
