 und einen Kuss darauf drückte.
    »Gute Nacht, Geliebter« - sagte sie endlich, ihn fortdrängend.
    Noch einen Blick warf er auf sie. Dann entfernte er sich schnell und eilte
nach seinem Zimmer.
 
                                Zehntes Kapitel
Je tiefer das Gefühl durch eine Idee bewegt wird, desto energischer ist
natürlich auch der Enthusiasmus, desto lebendiger das Interesse für dieselbe,
aber auch desto leichter die Gefahr der Einseitigkeit im Urteil über dieselbe.
Denn Unparteilichkeit im Urteil ist selten ein Beweis von Energie und
Interesse, wogegen Einseitigkeit häufig das Merkmal eines energischen,
kraftvollen Charakters ist, und nur ein angeborener Takt des Gefühls kann einen
solchen vor dem Extrem darin bewahren. Kälte und Klarheit des Urteils stehen
sehr häufig in Wechselbeziehung, daher gehört ein gewisser Fond von Egoismus
dazu, alle Gegenstände, selbst diejenigen, welche uns selbst alteriren könnten,
in der gehörigen Entfernung und Sehweite festzuhalten, damit sie nicht
verhältnismäßig zu große Dimensionen annehmen.
    Landsfeld war Egoist, aber sein Egoismus war von der Art, dass er den
Enthusiasmus für die Idee nicht nur nicht schwächte, sondern dass er mit ihm
völlig zusammenfloss. Alle Siegeszeichen, die er in dem Kampfe für die Idee
erworben, hing er in dem Tempel auf, in welchem sein eigenes Ich als Gott
tronte. Seine Schwärmerei für Lydia - denn es war noch bloße Schwärmerei, was
ihn zu ihr hinzog, noch keine Liebe - hatte indessen seit jener ersten Nacht
nach und nach einen so individuellen Charakter angenommen, dass er selbst fühlte,
wie das Verhältnis, in dem er bisher das ideale Streben zu seinem Ich gesetzt
hatte, auf dem Punkte stand, sich umzukehren, so dass nämlich in Kurzem er nicht
mehr die Idee seinem egoistischen Selbstgefühl, sondern vielmehr dieses der Idee
zum Opfer darbringen werde: kurz er war auf dem besten Wege, dem Glauben, dem
Vertrauen hingebungsvoll seine Brust zu öffnen. Von Tage zu Tage wurde sein
Benehmen gegen Lydia aufrichtiger, herzlicher und wärmer, obschon er es vermied,
Szenen gleich der am Ende des vorigen Kapitels beschriebenen herbeizuführen. Ja,
er ertappte sich jetzt auf dem Gefühl eines leisen Vorwurfs, wenn er, seinem
Plane gemäß, zuweilen sein Auge beobachtend auf ihren reinen Zügen ruhen ließ,
um nach irgend einer Nahrung für seine Zweifelsucht zu spähen. Lydia hing mit
einer wahrhaft überirdischen Liebe an ihrem Gemahl.
    Die völlig inmaterielle Liebe, welche das Wesen dieses unnatürlichen
Verhältnisses zwischen den beiden Gatten ausmachte, übte indes einen Einfluss auf
ihr Gemüt aus, der demjenigen auf Landsfelds Empfindung ganz entgegen gesetzt
war. Während der Letztere durch Beschränkung seines Egoismus, welche eine
natürliche Folge von Lydiens reiner Weiblichkeit war, zur Ruhe, zur Einheit mit
sich selbst und zur Versöhnung mit der Welt zurückgebracht wurde, versetzte der
feine Äther jener
