 des Billets zum Umschlag für das Letztere gebraucht. Auch muss
es wohl ein Bekannter sein, denn wer anders, als ein solcher, kennt Deinen
Vornamen und Deine Wohnung? - Vielleicht ist es auch ein Scherz von irgend
Jemand. Alles dies scheint mir der Wahrheit näher zu liegen, als Deine gänzlich
unbegründete Ahnung von irgend einem Unglück. Beruhige Dich deshalb. - Heute
Nachmittag wirst Du ja ohnehin Berger sehen, denn er versprach uns ja zu einem
Spaziergang abzuholen. Teile ihm dann offen die Tatsache, aber auch nur diese,
mit. Er wird Dir gewiss genügende Erklärung darüber geben können.«
    Die Ruhe, mit der die Mutter sprach, wirkte auf Lydia wohltätig ein. Sie
wurde ebenfalls ruhiger und begriff zuletzt nicht, wie sie sich einer so
kindischen Furcht habe hingeben können. Bald war von der ganzen Unruhe weiter
kein Gefühl in ihr zurückgeblieben, als das der Erwartung und Neugierde, wie
sich bei Bergers Erscheinen die Sache aufklären würde. Sie eilte leichten
Schrittes in den Garten hinter dem Hause hinab, um die Blumen zu tränken, ehe
die Sonne zu hoch gestiegen. Mit einem halb wehmütigen, halb freudigen Blicke
sah ihre Mutter ihr nach. Sie war keineswegs so ruhig und unbesorgt, als sie es
Lydien gegenüber geschienen hatte. Denn seit einigen Tagen war sie durch
verschiedene Äußerungen einiger Badegäste, die das Verhältnis Lydiens zu Berger
nicht kannten, oder nicht zu kennen sich den Anschein gaben, aufmerksam auf das
Betragen des Letzteren geworden. Es hatte ihr geschienen, als würde sein Name
nicht selten in Verbindung mit dem einer vor einigen Tagen angekommenen Dame
genannt, die durch ihre eigentümliche Stellung in der Welt, da sie nur in
Begleitung einer jungen Dienerin zu reisen schien, so wie durch die Freiheit und
Selbstständigkeit ihres Benehmens allgemeines Aufsehen erregte. Sie hatte bisher
ihre Vermutungen und Befürchtungen vor Lydia verborgen, weil sie zuvor klar
sehen wollte, ehe sie das harmlose Kind beunruhigen wollte. Es war zwar möglich,
dass Berger auf seiner Reise nach Italien, die er seiner künstlerischen
Ausbildung wegen unternommen, Frau von Rosen irgendwo kennen gelernt und nur die
Bekanntschaft, die vielleicht ganz oberflächlicher Natur war, wieder aufgenommen
hatte. Aber diese Vermutungen lösten die Bedenken, welche der Mutter Lydiens
aufgestiegen waren, nicht; vielmehr gewannen die letzteren durch den Umstand,
dass Berger bisher noch mit keiner Sylbe seiner neuen Bekanntschaft erwähnt
hatte, in ihr ein so großes Gewicht, dass sie zuletzt sogar auf den Verdacht
fiel, das Zusammentreffen Bergers mit Frau von Rosen im hiesigen Bade sei nicht
ganz einem glücklichen oder unglücklichen Zufalle zuzuschreiben. Unter diesen
Umständen musste auch der Vorfall, welcher ihrer Tochter einen so großen Schreck
verursacht hatte, für sie eine ganz andere und wichtigere Bedeutung gewinnen,
als sie Lydia
