 Gott
wüsstest?« - J'aimerais! - ist die bezeichnende Quintessenz dieser Richtung. Der
protestantische Pietismus mit seinen Bibelstudien, Traktaten-Lektüre und
reflectirenden Betrachtungen über Tod und Genugtuung des Heilands, hatte für
mich einen dürren und herben Beischmack, als hätten sich seine Anhänger zur
Frömmigkeit resignirt, anstatt dass dieselbe aus ihren Seelen quellen müsste. Es
war keine Frische, kein Duft, keine Anmut um sie; zuweilen etwas Respectables,
in einzelnen Fällen etwas Imponirendes, häufig eine abstossende Trockenheit und
Kälte welche mit ihren salbungsvollen Worten verglichen, letzteren den Anstrich
von Heuchelei gaben.
    Wie oft, wenn ich meinem verstorbenen Onkel zuhörte, hatte ich mit heißer
Sehnsucht gesagt: O welche Erquickung mit diesem liebenden Schwung glauben zu
können. - Aber den zuversichtlichen Glauben meiner neuen Freunde zu teilen
hatte ich nie! nie gewünscht! Ich fühlte mein Herz würde durch ihn noch mehr
brach gelegt werden, als es in meinem gegenwärtigen Zustand der Fall war. Unsre
Freundschaft war auch nicht von Dauer; sie warfen mir philosophische und
freigeisterische Ansichten vor, wogegen ich mich nicht verteidigen konnte; -
und ich ihnen Intoleranz und Inconsequenz, bei denen sie im Recht zu sein
behaupteten. Ich sagte ihnen:
    »Im Katholizismus setzt die Kirche - die gemeinsame Einheit im Glauben -
eine unantastbare Schranke, vor welcher der Menschengeist sich beugen, oder sich
daran brechen, oder sie überfliegen und dann von der Gemeinschaft abfallen muss.
Im Protestantismus haben Individuen Schranken gesetzt nachdem sie selbst deren
niedergerissen hatten. Ich sage nicht dass der geistige Horizont nicht
beträchtlich dadurch erweitert sei; ich sage nur dass die Protestanten sich nicht
wundern dürfen, wenn im Namen dieser Geisteserweiterung und Geistesbefreiung
Schranken weggerissen werden, welche sie um ihren Glauben aufgebaut haben. Der
Schatz der christlichen Lehren ist ein lauterer Quell. Die Katolische Kirche
hat ihn mit einem feierlichen, grandiosen Tempel überwölbt und ihre Priester zu
dessen Hütern bestellt. Die schöpfen das Wasser, spenden und verteilen es nach
gewissem Maß und Gesetz an die Dürstenden, und wachen über dessen Gebrauch. -
Der Protestantismus fand den lautern Quell in der Bibel enthalten, er verwarf
die Tradition und gab den Zutritt zu demselben Jedermann frei. Der Priesterstand
ward fortan unnütz, denn Jeder durfte schöpfen und Jeder nach seinem eignen
Bedarf - viel der Eine, der Andre wenig, Dieser mit einem schönen
Krystallbecher, Der mit einem unsaubern Eimer, Jener mit einer reinen - und noch
Einer mit einer schmutzigen Hand. Wer von ihnen darf jetzt behaupten er schöpfe
das richtige Maß und mit dem richtigen Gefäß? Keiner oder Jeder. Die Katolische
Kirche ist consequent: ein Priesterstand, Autorität und Glaubenseinheit. Den
Protestantismus vermag ich nicht Kirche zu nennen, denn er ist ohne
Priesterstand, ohne Autorität, ohne Glaubenseinheit.
