, das Hinsterben des Winters
darstellen sollen. Es gab wenige Orte, wo der Todtensonntag so altertümlich
solenn begangen wurde, wie am Fuße des Todtensteines, was unstreitig seinen
Grund darin hatte, dass dieser hochgelegene, eigentümlich gestaltete Felsen im
heidnischen Altertume einer der geheiligten Opferplätze gewesen sein mochte, an
denen die Priester der Wenden ihre religiösen Gebräuche, sei's öffentlich, sei's
heimlich, übten. Wenigstens deuten vielfache Spuren darauf hin, selbst die
erwähnte in Form einer menschlichen Gestalt auf der Plattform des Felsens
ausgehauene Vertiefung stand wahrscheinlich in irgend einem geheimnisvollen
Zusammenhange mit jenen heidnischen Opfergebräuchen. -
    Unserm Freunde mit den Drähten war diese Festlichkeit nichts Neues. Er hatte
ihr schon häufig beigewohnt und fand sie eigentlich lächerlich. Sie konnte ihn
deshalb auch nicht fesseln und er hätte sich vielleicht, wäre ihm der Gedanke
eingefallen, dass heut der Todtensonntag vieles Volk um den Stein versammeln
würde, eine andere Ruhestätte ausgesucht. Da er nun aber doch einmal durch
Zufall am Orte war, machte es ihm Vergnügen, von seinem Versteck herab die
wogende, bunte, fröhliche, so lebhaften Anteil nehmende Menschenmenge zu
beobachten. Diese bot wirklich ein unterhaltendes, schönes Bild dar, indem sich
deutsches und wendisches Volk heiter mischte. Die Wenden, mehr als die Deutschen
ihren uralten Sitten treu, zeichneten sich durch ihre eigentümliche, nichts
weniger als unschöne Tracht aus, und weil die Wenden der Lausitz noch bis heut
für einen schönen Menschenschlag gelten können, war es in der Tat eine Lust,
die vielen kräftigen jungen Männer und die schlanken, fein gegliederten Mädchen
mit den edlen, häufig wahrhaft vornehmen, vor Freude strahlenden Gesichtern
ungestört bewundern zu können.
    Besonders zog seine Blicke ein Trupp junger wendischer Burschen und Mädchen
auf sich, die fest zusammen hielten und ein und demselben Orte anzugehören
schienen. Unter ihnen zeichnete sich vor Allen ein Mädchen durch Schlankheit der
Formen und zierliche, obwohl nicht feine Kleidung aus. Ein schneeweisses Häubchen
von gestreifter Leinewand, an den Kanten mit Spitzen umsäumt, umschloss ihr
zartes, ovales Gesichtchen und verlieh ihm einen bezaubernden Ausdruck von
Kindlichkeit und Unschuld. Zwei ebenfalls weiße Bandschleifen befestigten das
einfache Häubchen unter dem runden Kinn, das ein allerliebstes Grübchen reizend
verschönte. Das Mädchen, indem unsere Leser gewiss Röschen schon erkannt haben,
sah mit ihren großen, kornblumenblauen Augen, die lange goldige Wimpern wie mit
sonnigen Franzen schirmten, seelenvergnügt aus und bewegte sich in ihrem braunen
kurzen Rocke, ihren blendend weißen, mit rot und blauen Zwickeln versehenen
Strümpfen und den kleinen Schuhen unter den übrigen Wendinnen wie eine
verkleidete Fee. Unter dem rechten Arme trug sie ihr weißes Regentuch, sauber
und faltenlos zusammengerollt, um es im Fall eines sich entladenden Unwetters
nach wendischer Sitte als Mantel gebrauchen zu können.
    Mit unbeschreiblich süßem
