 sie den
Blick, um die Fremden genau zu betrachten.
    Auf diesen Moment hatte Aurel mit Ungeduld gewartet. Seine scharfen Blicke
begegneten denen der Wahrsagerin und rangen gleichsam sekundenlang mit einander.
Aurel kannte die Matrone so wenig, wie diese ihn. Seine Hoffnung schwand sogar
sehr bedeutend, als er in ein kleines abgemagertes, faltenreiches Gesicht sah,
das nicht gerade hässlich war und in frühern Jahren wohl auch einmal hübsch
gewesen sein mochte, das aber unmöglich jener Herta angehören konnte, die er
suchte und hier zu finden wünschte. Graue Haare legten sich in dünnen Scheiteln
um die kleine zusammengefasste Stirn der Wahrsagerin.
    »Sie wünschen die Zukunft zu befragen?« sagte das Mütterchen zu den Fremden.
»Wenn Sie nicht aus bloßer Neugierde, sondern aus innerstem Drange des Herzens
und mit gläubigem Gemüt zu mir kommen, dürfen Sie hoffen, die reine Wahrheit zu
hören.«
    Aurel bat durch eine Handbewegung, dass sie fortfahren möge.
    »Ziehen Sie es vor, dass ich die Flamme oder die Karte befrage?«
    »Ganz nach Belieben, Madame!« entgegnete Aurel. »Ich bin nicht bewandert in
den Geheimnissen Ihrer Kunst oder Wissenschaft.«
    »Die Flamme erheischt lange Zeit und große Geduld. Sie scheinen mir
lebhaften Temperaments und da ich eine Unterbrechung meiner Fragen befürchten
muss, was traurige Folgen für Sie haben könnte, so erlaube ich mir mit Ihrer
Zustimmung die Karte vorzuziehen.«
    Aurel neigte billigend den Kopf und die Wahrsagerin ließ die Lampe sogleich
verlöschen, was so schnell und geheimnisvoll geschah, dass Gilbert darüber
erstaunte und den Kapitän verwundert ansah. Sie mischte hierauf das Spiel
Karten, richtete verschiedene Fragen an Aurel - in welchem Monat er geboren sei?
Ob verheiratet oder ledig? An welchem Tage er seine letzte Reise angetreten
habe? u.s.w. Gleichgiltig, doch wahrheitgetreu gab Aurel darauf Antwort. Die
Wahrsagerin legte nun die Karten in Form einer strahlenden Sonne vor sich hin,
anfangs der Reihe nach die einzelnen Blätter abhebend. Später gab sie manchem
eine andere Stelle, so dass die Form der Sonne oder des Sterns sich vielfach
veränderte und bald einen Strahlenkreis ohne Kern, bald einen festen Körper in
fast eirunder Form ohne Strahlen bildete. Während dieses Hin- und
Wiederschiebens der Kartenblätter sprach sie immerfort, lächelte jetzt, und
schüttelte dann wieder mürrisch den Kopf. Zuweilen tupfte sie auch mit ihrem
dürren weißen Zeigefinger auf eines der Blätter oder drohte ihm mit freundlicher
Miene. Endlich entglitt das letzte Blatt ihrer Hand! Sie erhob sich vom Sessel
und schob die drei Lichter näher an einander. Aurel stand ebenfalls auf und
beugte sich, beide Hände auf den Tisch stützend, über das wunderlich gestaltete
Kartenbild, das seines Lebens Zukunft enthalten sollte. Obwohl er nicht im
Geringsten
