 oder weniger anziehend und bedeutend wird sie
nur durch den Menschen, in dessen Seele sie entstanden ist, und aus dessen Natur
heraus sie ihr besonderes Gepräge erhält, ja eigentlich nur durch die Art der
Hindernisse, die sich der Erreichung ihrer Wünsche entgegenstellen.
    Gewiss, versicherte Teophil, so hatte ich es auch gemeint. Denn wie unter
den tausend Blättern eines Baumes nicht zwei einander vollkommen gleichen, so
bringt jedes Menschenleben neue Erscheinungen in der Liebe zur Entfaltung,
welche für einen Beobachter wie Sie zu besonderen Erfahrungen Anlass geben müssen.
    Sie erinnern mich mit diesen Behauptungen an Ereignisse aus der ersten Zeit
meines öffentlichen Auftretens, sagte Alfred. Als es in dem Kreise meiner
Bekannten zu verlauten anfing, dass ich der Verfasser eines Romans sei, drängte
sich Alt und Jung mit geheimnissvollem Vertrauen zu mir, um mir aus den eigenen
Erlebnissen Stoff für meine künftigen Arbeiten mitzuteilen. Jeder Mann, der in
seiner Jugend die Kammerjungfer seiner Mutter geliebt und dann eine andere Frau
geheiratet hatte, kam sich in der Erinnerung wie ein Romanheld vor und
verlangte, dass ich diese seine Jugendliebe zum Mittelpunkt einer Dichtung
erheben sollte. Man hat mich über die Gebühr mit diesen Mitteilungen ermüdet
und ich bin manchmal aus Ärger versucht gewesen, den Leuten solche Erzählungen
zu schreiben, um sie von der Verkehrtheit ihrer Ansicht zu überzeugen, die aus
der kleinlichsten Selbstüberschätzung entspringt. Die Liebe an sich ist das
eigentliche Thema des lyrischen Gedichts. Für den Roman wird sie erst geeignet,
wenn sie mit der Außenwelt in Streit gerät; und mich interessiert sie als Thema
erst dann, wenn die Hindernisse, welche ihr entgegentreten, aus den Ideen oder
Tatsachen hervorgehen, die in das Gebiet der Zeitfragen gehören. Ein Roman, der
nicht in genauer Beziehung zu der Zeit steht, in der er geschrieben ward, wird
selten ein gelungenes Werk sein.
    Und der Werter? und die andern Goethe'schen Romane? wendete Terese fragend
ein.
    Sind sprechende Bilder der Zeit, in der sie entstanden, fiel Alfred ein.
Grade diese sind aus dem dringenden Bedürfnisse hervorgegangen, das der Dichter
hatte, sich und die Mitwelt aufzuklären über Das, was damals stürmisch in Allen
wogte. Weil sie aus Ideen ihr Leben schöpften, die damals alle strebsamen
Naturen beschäftigten, haben sie Leben gehabt und werden es behalten. Darum ist
ihre Wirkung auch noch fast eine magnetische auf uns Alle. Im Werter spiegelt
sich die schwache Gefühlsschwelgerei der Empfindsamkeitsepoche; in dem Wilhelm
Meister das Illuminatenwesen und jenes Streben des begabten Bürgerstandes, die
Stelle einzunehmen, welche ihm später die französische Revolution errang. Jene
Motive lagen Goethe damals als Tagesfragen nahe, darum behandelte er sie und
läuterte seine Ansicht von ihnen durch das freie, dichterische Gestalten. Man
sollte es also auch jetzt nicht
