« Der wahre Mensch, der sich hingibt
in der Freundschaft, klaubt nicht eine gewisse Partie seiner Erscheinung heraus,
er gibt sich immer mit der ganzen Lebenssumme grade so ausgedehnt hin, dass er
den Augenblick der Hingabe erfüllt. Das, was man Charakter nennt, kann daher nur
durch die größte Menge ähnlicher Züge im Menschen begriffen werden und ist nur
merkwürdig im Begeisterten als die Gestalt des Schattens, die seine Bewegung
nach irgendeinem Licht auf sein Gemüt zurückwirft, und im bloß erwerbenden
Menschen als die Gestalt seiner Beschränkung, aus denen man, wie aus den
Schatten, welche die Weltkörper aufeinander werfen, astronomische Schlüsse auf
die Gestalt, Lage und Durchkreuzung der Sphären, ihre Bildung, ihren Stillstand
oder ihre Bewegung machen kann. Es gibt aber noch einen andern Gesichtspunkt für
das Interesse, das man an einem Charakter haben kann, und obschon er nicht
hierher gehört, wo ich nun vom Umgange (Verkehr untereinander) rede, so will
ich, um einem schiefen Einwurfe vorzubeugen, doch etwas davon sagen.
    Der Charakter kann allgemein merkwürdig sein, wenn man ihn als Kritiker
betrachtet, dies ist die Betrachtung, deren jeder Charakter als Kunstwerk würdig
ist; es sei nun, dass ich wirklich den Charakter einer gedichteten Person oder
wirklich eines lebenden Menschen wie ein Produkt seines Lebens, als Kunstprodukt
der dichtenden Natur anschaue. Sich zu dieser Ansicht erheben zu können,
erfordert einen sehr hohen Standpunkt, denn man muss sich dann zur ganzen Poesie
- Schöpfungskraft der Natur - wie der Kritiker zum Dichter verhalten; und hier
wird mehr erfordert, als nach den geschriebenen Geetzen einer gewissen
Kunstschule dem freien lebendigen Gedicht die Brust aufzuschneiden, um noch
minutenlang zeigen zu können, wie ihm das Herz schlägt. -
    Die Konsequenz aber, welche etwas wert ist, ja allein den Wert des Menschen
bestimmt, ist eine musikalische, sie ist Harmonie im weitesten Sinne und wird,
insofern er mehr oder weniger das ganze Leben berührt, mehr oder weniger
Tonarten und Modulationen umfasset, doch immer nur in harmonischen Übergängen
wechseln. Insofern er nun bloß das Thema der ganzen Musik ist, ist sein Gang aus
sich selbst und kann er einen Charakter haben, aber insofern er die Harmonie des
Ganzen mitbegründet, hat er nur den Charakter seines Instruments; sein Leben
aber ist ohne Charakter, bloß ein Teil der ganzen Harmonie. Von dieser
Konsequenz der Harmonie kann aber nur die Rede sein bei umfassendern Menschen,
denn, um harmonisch zu werden, muss man schon eine gewisse Anzahl von Tönen
umfassen, und ist hier die Rede nicht von jener Gattung, die nur insofern leben
als ihrer etliche Tausend wohl, wenn sie zusammentreten, ebenso leicht alle zu
einem tüchtigen Menschen gehörigen Eigenschaften als eine vollständige
Kriegskontribution zusammenbringen könnten. Hieher gehören alle Menschen
