, versetzte Dorotea mit einem schnippischen
Ton; »wenn von Leonhard die Rede ist, werden Sie gewöhnlich auch genannt, aber
nur des Kontrastes wegen. Wie jener die höchste Liebenswürdigkeit des Mannes
ausdrückt, so stellt sich in Ihnen alles dar, was am männlichen Geschlechte
fatal und widerwärtig ist; Sie sind das Ungewisse, Leichtsinnige was kein
Vertrauen einflößen kann, der zweideutige jesuitische Mensch, der weder Liebe
sucht noch verdient, der - kurz der, der Sie wirklich sind. So erkennt Sie
Albertine, und wenn Sie auch auf einen Augenblick hinterlistig mein Vertrauen
erschlichen haben, so bereue ich doch diese Viertelstunde recht von Herzen!«
    Sie sprang auf und rannte davon. Elsheim aber blieb auf der Gartenbank
sitzen und lachte so herzlich und so laut, dass einige Freunde, die ihn suchten,
sich nach der Laube wandten, so wie der Bediente, der sich im Garten nach ihm
umgesehen hatte, hereintrat, um ihm Briefe zu überreichen.
    Die beiden fremden Musiker, Mannlich und Leonhard, traten mit dem Diener
zugleich in die geräumige Laube. Elsheim legte die Briefe, nachdem er sie
obenhin betrachtet hatte, vor sich auf den Steintisch und sagte dann mit
lachender Miene: »Meine Herren, ist unter Ihnen vielleicht ein Menschenkenner?«
    »Menschenkenner?« sagte der brünette Bassist; »mich dünkt, diese Sorte hat
man seit einigen Jahren ganz abgeschafft. Vormals spukten sie in allen Komödien
und Romanen; auch gab es wohl Menschen, die, wie die Viehhändler, auf das
Gewerbe reisten, um die verfeinerten und bessern Menschenraçen anzutreffen;
allein seit man eingesehen hat, dass der grobschürige Hammel auf die Dauer doch
der einträglichste ist, hat man die Finte und Finesse wieder aufgegeben.«
    »Und man hat klug daran getan«, sagte Elsheim lachend, »denn niemals muss der
gute Landwirt zu oft und zu fein scheren wollen. Ist nun das Blöken, das man
beim Scheren vernimmt, lauter Selbstgeständnis? Bekenntnis und Anklage? oder
Lästerung auf den Scherenden? Nicht wahr, der Anatom, der die Menschen so
schlechtin aufschneidet, dürfte sich eigentlich wohl für den gründlichsten
Menschenkenner ausgeben? Und dann das sogenannte Herz.«
    »Ich meine«, sagte der Klavierspieler, »die Alten taten besser, alle
Herzensempfindungen mehr in die Leber zu verlegen. Sie ist eigentlich das
gekräftigte Leben, wovon sie auch ihren Namen Leber hat, das männliche R statt
des weiblichen N, das spornklirrende Schwertwesen statt des sangreichen
minniglichen. Herz ist zu sehr mit Erz, Harz und Erde verwachsen, um den
Inbegriff der Liebesgeheimnisse andeuten zu können, wenn auch Schmerz und Scherz
da wieder hineinlaufen.«
    Mannlich sagte trocken und ernstaft: »Ich habe mich immer für einen
Menschenkenner gehalten, auch
