 das Schicksal der Reiche entscheiden, gibt es keine Heldengruppen, wo
die Predigt im Gottesdienste das Wort führt, keine Erscheinungen, wo die Leute
bis zu den Schustern und Schneidern hinunter den Frack tragen, kein Genre. Was
soll also entstehn? Entweder ein geschmackvoller Eklektizismus, welcher niemals
eine Epoche macht, oder ein romantisches Unbestimmtes; Versuche, der Poesie
nachzutreten, die in wenigen Jahren schon, wenn gewisse momentane Stimmungen
vorübergegangen sein werden, unverständlich sein müssen.
    Man darf sich ja nicht durch die jetzige allgemeine Neigung zu diesen Dingen
täuschen lassen. Ein Unterschied der modernen Zeit von der griechischen besteht
darin, dass unter uns Neueren das wahrhaft geniale Schöne fast immer im
Gegensatze zu der herrschenden Stimmung erwächst, welche dagegen ihrerseits das
als vorhanden zu präkonisieren pflegt, woran es ihr eben ganz gebricht. Dagegen
ging in jener glücklichen griechischen Periode das besondere Genie der Künstler
aus dem allgemeinen Talente der Nation hervor. Um an einem Beispiele meine
Meinung klarzumachen, so glaubten wir an Klopstocks Oden, Bardieten und an den
Nachahmungen derselben eine große vaterländische Poesie zu besitzen, und doch
waren diese frostigen Exerzitien am allerfernsten von einer solchen. Nur eine
Entwicklung der Schönheit sehe ich noch vor uns, nämlich die poetische; in der
Dichtkunst hat, wie ich glaube, Deutschland den Gipfel noch nicht erreicht.«
    »Diese Meinung ist für die Poeten der Gegenwart sehr tröstlich«, sagte
Hermann, »um so tröstlicher, als viele Stimmen das dichterische Element der Zeit
ganz leugnen wollen.«
    »Ich rede nicht von einem einzelnen, nicht von Individuen«, erwiderte der
Prinz. »Urteile über Personen und Werke, deren Zeitgenosse man ist, sind
meistens sehr misslich. Meine Hoffnung bezieht sich auf etwas Allgemeines. Nun
ist es wohl klar, dass eine Periode, in welcher alle Schätze des Geistes
gewaltsam aufgeregt worden sind, so dass sie gleichsam in das Freie fielen, von
selbst einen Fähigen hervorrufen muss, welcher sich dieses Reichtums bemächtigen
wird. Diesem wird gerade der Mangel an äusserm plastischen Leben höchst
förderlich sein, da unsrer Stimmung die deskriptive Poesie immer langweilig
erscheint, und die Dichter dieser Jahrhunderte mit Glück nur das Innerliche, die
bewegenden Ursachen der Dinge ergriffen haben.«
    Hermann hatte nur aus schuldiger Rücksicht dem letzten Teile dieser
Auseinandersetzung zugehört, denn eine unerwartete Erscheinung wendete seine
Gedanken von den Reden des Prinzen ab. Zu der Flügeltüre des Saals, in welchem
sie standen, trat nämlich herein, abenteuerlich aufgeputzt, im bunten Gewande,
eine Gestalt, in welcher er nach kurzem Besinnen Flämmchen erkannte.
    Flatternde Bänder zierten Achseln und Schulter, Schmelzbesatz säumte Busen
und Leib, das kurze Röckchen war zackig ausgeschnitten, darunter sahen
rotflammige Strümpfe und goldne Schuhe hervor. Die schönen nackten Arme
umschlossen an den Gelenken
