 Herzogin beim Dessert, »dass wir gleichgültiger
gegen die Tugend als gegen die Höflichkeit sind? Wenn man durch seinen Stand
gezwungen ist, viele Menschen zu sehen, so muss man auch mitunter Leute empfangen,
deren Handlungen sich keineswegs billigen lassen. Ich kann nun wohl sagen, dass
mich die Nähe solcher Personen wenig verletzt; unbefangen sehe ich sie kommen
und gehen. Dagegen bin ich gleich aus meiner Fassung, wenn in meinem Kreise ein
Verstoss gegen die Lebensart vorfällt.«
    »Das rührt daher, weil wir alle, auch die Besten unter uns, nie den Hang
vollkommen ablegen, uns nach außen zu vergeuden, statt dass wir streben sollten,
nur nach innen wahrhaft zu leben«, erwiderte der Kammerrat Wilhelmi.
    »Ich denke«, entgegnete die Herzogin, »man lebt in jedem Augenblicke
zugleich nach innen und nach außen. Übrigens bitte ich Sie, mich nicht einer
schlaffen Moral anzuklagen. Alles, was ich sagte, bezieht sich nur auf die
gewöhnlichen gesellschaftlichen Zusammenkünfte, und wenn jene zweideutigen
Figuren mich irgendwo im Heiligtum meiner Verhältnisse berühren, so machen sie
mir auch Kummer genug.«
    »Darin liegt die Antwort auf deine Frage«, versetzte ihr Gemahl. »Das Leben
besteht, wo es nicht Geschäft ist, meistenteils aus Repräsentation.
Unsittlichkeiten drängen sich uns nicht vor das Auge, wohl aber Roheit,
Ungeschick. Was gehen uns also jene an, da wir niemandes Richter sind?«
    Hier nahm Hermann das Wort, und sprach: »Vielleicht fordert keine Zeit mehr
zur Beobachtung äußerer Sitte auf, als die unsrige. Alle Gegensätze sind
blossgelegt, wo irgend Menschen zusammenkommen, bringen sie die
widersprechendsten Gefühle und Überzeugungen in betreff der wichtigsten Dinge
mit. Politik, Religion, das Ästetische, ja selbst, was im Privatleben erlaubt
sei? alles ward zum Gegenstande des Zwiespalts. Wie kann man sich aber mit
Behagen nebeneinander sehen, wenn nicht wenigstens auf der Oberfläche die in der
Tiefe zürnenden Geister beherrscht werden, wenn nicht die strengste Regel der
Konvenienz, welche jedem Kunstwerke notwendig ist, waltet? Und die gute
Gesellschaft ist doch, wie man mit Recht gesagt hat, eine Art von Kunstwerk,
oder sollte wenigstens eins sein.«
    »Am schlimmsten hat man es mit den Gelehrten«, sagte der Herzog. »Ich lade
auch nie zwei zu gleicher Zeit ein. Denn ich bin dann nicht sicher, dass die
Herrn über einen alten römischen König, oder eine Sprache, von der man nur
vermutet, dass sie einmal gesprochen sein soll, einander Beleidigungen sagen.«
    »Auch die Hypochondristen sind böse Gäste!« rief Hermann.
    Die Herzogin warf lächelnd einen Seitenblick auf Wilhelmi, der die ganze
Tafel über sein verdriessliches Gesicht noch nicht abgelegt, und
