 und
Weltverhältnisse aphoristisch betrachtet wurden, zur Hand, um darin zu lesen,
und fand einen Satz, der ihn stutzig machte, er wusste nicht, warum? »In flachen
Gegenden oder auf dem Meere« sagte jener Autor, »gibt es ein Phänomen, welches
man das Heliakallicht nennt. Die Kugel der Sonne bildet sich frühmorgens in den
Dünsten ab, welche den Luftkreis durchziehn, das Tagesgestirn scheint schon
aufgegangen zu sein, während es in der Tat noch unter dem Horizonte verweilt.
Etwas Ähnliches begegnet oft im Leben. Das Schöne, Reizende, Wünschenswerte
zeigt sich uns nicht selten zuerst in seinem Dunstbilde, wir meinen es dann
schon zu besitzen, und doch ist es vorderhand nur ein Schein, der erst einige
Zeit später zum leuchtenden und wärmenden Gestirne unsrer Tage werden kann, wenn
das Schicksal es uns überhaupt so gönnen will.«
 
                                Sechstes Kapitel
In der Lektüre und in den dadurch angeregten Gedanken störte ihn ein dumpfes
Geräusch, welches vom Nebenhäuschen im Hofe heraufdrang. Er sah die Knaben des
Rektors, welche schon abends zuvor im väterlichen Hause wieder eingerückt waren,
auf den Stufen der Vortreppe übereinander sitzen, und hörte ihre Vorbereitung zu
den morgen aufs neue beginnenden Lektionen. Da sie verschiedenen Alters waren, so
reichten sie von Quinta bis Prima hinauf und trieben folglich die Latinität von
»alauda cantat« bis zum Exponieren des Virgil. Ganz laut wurden diese Studien
betrieben, wodurch ein Geräusch entstand, nicht unähnlich demjenigen, welches in
einer Judenschule zu tönen pflegt. Was Hermann in Erstaunen setzte, war, dass
keiner den andern irrte, vielmehr jeder sein Pensum unter den fremden
Beschäftigungen, die ihm vor dem Ohre klangen, fortlernte.
    Nachdem dieses babylonische Sprachgemisch eine Zeitlang angehalten hatte,
kamen zwei Söhne des Edukationsrats vorsichtig durch eine Hintertür geschlichen.
Es war der Naturforscher und der Baumeister. Erstrer trug eine große Flasche,
letztrer einen Topf und ein leinenes Säckchen. Sie sahen sich vorsichtig um, als
fürchteten sie, bemerkt zu werden, und schlichen sodann zu den Lateinern.
    Sobald diese jene bemerkten, warfen sie Bröder, Cäsar und Virgil weg,
stießen ein Freudengeschrei aus und hielten mit den beiden Angekommnen ein
heimliches Gespräch, wobei von letzteren viel auf Flasche, Topf und Beutel
gedeutet wurde. Nachdem einer darauf einen Spaten ergriffen hatte, zog der ganze
Trupp durch die Hintertür nach dem wüsten Platze ab, welcher dort zwischen
Scheunen der Nachbarn neben dem Garten lag. Durch die offene Türe sah Hermann sie
noch an der Erde graben und wirtschaften, ohne gewahr werden zu können, was sie
eigentlich vornahmen.
    Im Verlaufe des Tages fragte er den Rektor, ob seine Söhne Grammatik und
Autoren immer auf die Weise behandelten, welche er wahrgenommen hatte.
    »Jederzeit«, antwortete dieser.
