 drei Vormittagsstunden darauf verwenden. Täglich -
Ob ich das Vorige ausstreiche? Fünfmal hab' ich gegen meinen Vorsatz gesündigt,
und multipliziere ich die drei vergessenen Stunden mit den fünf vergessenen
Tagen, so tat ich's fünfzehnmal. Ich schreibe ungern, denn ich denke viel
schneller, als mein bleierner Stil folgen kann. Cäsar sagte mir, man müsse die
Menschen in ihrem ganzen Wesen anatomieren. Dadurch lerne man und vergnüge sich.
Cäsar hat immer recht.
    Ich will einige meiner alten Freundinnen zu schildern suchen. Ich
vernachlässige alle; wenn ich sie sehe, zeig' ich ihnen, was ich von ihnen
schrieb und dass ich sie doch liebe. Ich will Delphinen charakterisieren, sie ist
so verschieden von mir.
    Delphine gefällt, ohne schön zu sein. Man kann ihr nicht einmal einen
ausgezeichneten Wuchs zugestehen, nur ihre Haltung, ihr schwebender Gang kann
den Mann veranlassen, auf sie zu achten. Sie trägt sich mit erstaunenswerter
Einfachheit. Ihr Haar ist gescheitelt; ein weißer Kantenstrich, wie man ihn
unter Hüten trägt, hebt diese Einfachheit zu dem lieblichsten Eindruck. Weiß und
hellblau stehen ihr gut; eine rote Schleife auf der Brust gibt dieser Monotonie
der Toilette eine lachende Auffrischung. Delphine hat einen kleinen Fuß. Sie
geht sehr schön. Das will viel sagen! Das Blaue in Delphinens Auge ist nicht
rein, es ist mit zu viel Weiß gemischt. Für die Augenbrauen ist eine schöne
Wölbung da; aber sie ist nicht stark aufgetragen; dieser Reiz verschwindet. Sie
hat einige hübsche Gewohnheiten. So fasst sie z.B. oft mit der linken Hand in die
Gegend der Stirn, öffnet sie, schließt mit dem Daumen und dem Zeigefinger einen
Kreis und beginnt diesen Kreis allmählich zu öffnen, indem sie aus der
Tränendrüse des linken Auges zurückfährt, das ganze Auge umkreist und die
Öffnung der beiden Finger wieder schließt am Ende des Auges. Diese sonderbare
Bewegung erfolgt mit Blitzschnelle und ist deshalb so hinreißend, weil sie
immer mit einer Erregung ihrer Seele zusammenhängt. Der größte Zauber in
Delphinens Erscheinung kommt aber von ihrer eigentümlichen Seelenstimmung her.
Diese muss man, um kurz zu sein, sentimental nennen; obschon der Ausdruck sie
nicht ganz erschöpft. Besser würde man sagen, sie ist musikalisch gestimmt. Denn
Musik drückt ihr ganzes Wesen aus: und zwar nach jener einseitigen Richtung hin,
wo die Musik nur Wollust der Empfindung ist. Für plastische Gestaltenschöpfung
in der Musik, soweit die Musik diese erreichen kann, für Opern im französischen
Geschmack, kurz, für das Dramatische in der Musik ist sie nicht. Die Richtung
ihrer Seele ist lyrisch. Alles, was sie mit einem wunderlieblichen Organe
spricht, nimmt den Ausdruck des Zarten, Schonenden und Bittenden an. Bittend
sind die meisten
