 endloser die Tiefe dessen, der liebend zurückbleibt, wenn nicht der befreite
Geist ihn erkennt, ihn berührt, ihn weihet im Entfliehen.
    Und so mir, o Goethe, wird die Verzweiflung den Busen durchschneiden, wenn,
am einsamsten Orte verweilend, ich dem Genuss Deiner Betrachtung mich weihe, und
die Natur um mich her wird ein Kerker, der mich allein umschließt, wenn Du ihm
entschwebt bist, ohne dass Dein Geist, der Inhalt meiner Liebe mich berührt habe.
O tue dem nicht also, sei nicht meiner Begeisterung früher erstorben, lasse das
Geheimnis der Liebe noch einmal zwischen uns erblühen; ein ewiger Trieb ist
außer den Grenzen der irdischen Zeit, und so ist meine Empfindung zu Dir ein
Urquell der Jugend, der da erbrauset in seiner Kraft und sich fortreisst mit
erneuten Lebensgluten bis an das Ende.
    Und so ist es Mitternacht geworden bei dem Schreiben und Bedenken dieser
letzten Zeilen, sie nennen es die Silvesternacht, in der die Menschen einen
Augenblick das Fortrücken der Zeit wahrnehmen. Nun bei dieser Erschütterung, die
dem Horn des Nachtwächters ein grüssendes Zeichen entlockt, beschwöre ich Dich:
denke von diesen geschriebenen Blättern, dass sie wie alle Wahrheit wiederkehren
aus vergangner Zeit. Es liegt hier nicht ein bloßes Erinnern, sondern eine
innige Verbindung mit jener Zeit zum Grund. Wie der Zauberstab, der sich aus dem
Strahl liebender Augen bildet und den Geliebten aus der Ferne berührt, so bricht
sich der Lichtstrahl jener frühen Zeit an meiner Erinnerung und wird zum
Zauberstab an meinem Geist. Eine Empfindung unmittelbarer Gewissheit, meines
eigensten wahrhaftesten Lebens Ansicht, ist für mich diese Berührung aus der
Vergangenheit; und während Schicksal und Welt nur wie Phantome im Hintergrund
nie wahrhaften Einfluss auf mich hatten, so hat der Glaube, als sei ich Dir näher
verwandt, als habe Dein Sehen, Dein Hören, Dein Fühlen einen Augenblick meinem
Einfluss sich ergeben, allein mir zur Versicherung meiner selbst verholfen. Der
Weg zu Dir ist die Erinnerung, durch sie wirke ich an einer Gemeinschaft mit
Dir, sie ist mir Erscheinung und Gegenerscheinung; Geistergespräch, Mitteilung
und Zuneigung, und was mir damals ein Rätsel war, dass ich bei zärtlichem
Gespräch mehr den Bewegungen Deiner Züge lauschte, als Deinen Worten, dass ich
Deine Pulsschläge, Dein Herzklopfen zählte, die Schwere und Tiefe Deines Atems
berechnete, die Linien an den Falten Deiner Kleider betrachtete, ja den
Schatten, den Deine Gestalt warf, mit Geisterliebe in mich einsog, das ist mir
jetzt kein Rätsel mehr, sondern Offenbarung, durch die mir Deine Erscheinung um
so fühlbarer wird und die auch mein Herz bei der Erinnerung zum Klopfen und den
Atem zum Seufzen bewegt.
    Sieh! An den Stufen der Verklärung, wo sich alle willkürliche Tätigkeit des
Geistes niederbeugen
