 seine Hand auf das
schöne Haupt Agnesens legte, indem er einen Blick auf den Bräutigam
hinüberlaufen ließ. Nolten fand einen Trost darin, dass er den heimlichen
Vorwurf, das teure Geschöpf so tief verkannt zu haben, mit einem Manne teilen
durfte, den er so sehr verehrte; ja es war diese Idee, wiewohl vielleicht nur
dunkel, eben dasjenige gewesen, was ihm gleich bei des Barons Eintritt ins
Zimmer die größte Last vom Herzen weggenommen. Der feine Greis mochte übrigens
recht haben, jene verdeckte Zwiesprache der Gedanken sogleich abzuschneiden,
indem er in allgemeinen heitern Umrissen von Teobalds Glück, wie es von unten
herauf mit ihm verfahren, eine Darstellung machte, und man so auf die Jugendzeit
Teobalds zu sprechen kam. Agnes inzwischen hatte sich in Geschäften entfernt.
    »Man sagt mir noch auf den heutigen Tag ins Gesicht«, begann der Maler, »und
selbst mein wertester Herr Papa gibt zuweilen zu verstehen, ich sei länger als
billig ein Knabe geblieben. Zu leugnen ist nun nicht, meine Streiche als Bursche
von sechzehn Jahren sind um kein Haar besser gewesen, als eines Eilfjährigen, ja
meine Liebhabereien sahen vielleicht bornierter aus, wenigstens hatten sie die
praktische Bedeutung nicht, um derentwillen man diesem Alter manche Spiele,
wären sie auch leidenschaftlich und zeitvergeudend, noch allenfalls verzeihen
kann. Bei meiner Art sich zu unterhalten, wurde der Körper wenig geübt;
Klettern, Springen, Voltigieren, Reiten und Schwimmen reizten mich kaum; meine
Neigung ging auf die stilleren Beschäftigungen, öfters auf gewisse Kuriositäten
und Sonderbarkeiten. Ich gab mich an irgendeinem beschränkten Winkel, wo ich
gewiss sein konnte, von niemanden gefunden zu werden, an der Kirchhofmauer, oder
auf dem obersten Boden des Hauses zwischen aufgeschütteten Saatfrüchten, oder im
Freien unter einem herbstlichen Baume, gerne einer Beschaulichkeit hin, die man
fromm hätte nennen können, wenn eine innige Richtung der Seele auf die Natur und
die nächste Außenwelt in ihren kleinsten Erscheinungen diese Benennung verdiente
denn dass ausdrücklich religiöse Gefühle dabei wirkten, wüsste ich nicht,
ausgeschlossen waren sie auf keinen Fall. Ich unterhielt zuzeiten eine
unbestimmte Wehmut bei mir, welche der Freude verwandt ist, und deren
eigentümlichen Kreis, Geruchskreis möcht ich sagen, ich, wie den Ort, woran sie
sich knüpfte, willkürlich betreten oder lassen konnte. Mit welchem
unaussprechlichen Vergnügen konnte ich, wenn die andern im Hofe sich tummelten,
oben an einer Dachlücke sitzen, mein Vesperbrot verzehren, eine neue Zeichnung
ohne Musterblatt vornehmen! Dort nämlich ist ein Verschlag von Brettern, schmal
und niedrig, wo mir die Sonne immer einen besonderen Glanz, überhaupt ein ganz
ander Wesen zu haben schien, auch konnte ich völlig Nacht machen, und (dies war
die höchste Lust), während außen heller Tag, eine
