. Allein Sie dachten an mich, Ihr liebes, offenes Herz suchte die Entfernte
mitten in dem frohen Aufrufe angenehm bewegter Gefühle! Auch dass Sie mit dem
Blättchen zu dem still umgränzten Wasser flüchteten, dass Sie hier, mit der
Freundin allein sein wollten; gerade das, Liebste, gibt dem Briefchen
unschätzbaren Wert. Nur wünschte ich, Sie hätten einen andern Boten gewählt.
Dieser unstäte Neuigkeitsjäger, den die Langweile durch das Leben hetzt, der
arglos heißt, weil er unbedeutend ist, und eine ehrliche Seele genannt wird,
weil er zu flach und zu bequem ist, sich anders zu zeigen, als er ist; kurz, Ihr
Vetter Curd ist zu keiner guten Stunde hier aufgetreten. Erst freuten wir uns,
den Landsmann, den Bekannten wieder zu sehen. Er ward mit Fragen bestürmt.
Aufmerksam horchten wir auf jedes seiner Worte, wir ließ es uns gefallen, dass
er deren mehr machte, als nötig war; doch der Zügel ward ihm zur Unzeit
gelassen. Er schwatzte das Hundertste ins Tausendste. Bald wusste er nicht mehr,
wo und zu wem er sprach. Zweideutige Anspielungen, triviale Anekdoten, aus
müßiger Beobachtung und geistloser Spottsucht zusammengetragen, tauchten erst
versteckt auf, wagten sich dann dreister hervor, und reichten eben hin, die
reizbare Verletzlichkeit meiner lebhaften Freundin auf das Unangenehmste in
Bewegung zu setzen. Denn, wurden auch nicht Namen genannt, so waren doch
Verhältnisse bezeichnet, und ohne den Schlüssel zu dieser eigentümlichen
Chiffresprache der Klätscherei zu besitzen, ließ sich leicht combiniren, was und
wie es gemeint war.
    Von jetzt an sieht die Oberhofmeisterin mit gespanntem, feurigem Blick in
das innerste Familienleben ihrer Tochter hinein. Was sie immer unter wachsendem
Unwillen geahndet, wird ihr Gewissheit.
    Sie glaubt, Emma's Unglück als ausgemacht annehmen zu müssen. Für sie ist
länger keine Ruhe hier. Zwischen Furcht, jenen Argwohn bestätigt zu finden, und
dem brennenden Verlangen, die Urheber ihrer gescheiterten Hoffnungen zu strafen,
treibt sie zur Abreise, und zögert mit dieser. Indes beschwichtigen Emma's
Briefe, die den vollen Frieden ruhiger Übereinstimmung mit sich und der Welt
atmen, von Zeit zu Zeit die leidenschaftliche Mutter. Allein das sind
Augenblicke, die nicht vollwichtig genug sind, peinliche Zwischenräume zu
füllen, in denen eine stets zu eigener Qual arbeitende Phantasie unbeschäftigt
bleiben könnte.
    So bewährt es sich denn aufs Neue, dass ein leeres Gefäß, welches die
Gelegenheit mit ihren zufälligen Gaben füllte, gewöhnlich mehr Gift enthält, als
das boshafte Genie aus sich selbst zu erzeugen vermag; gewiss, Klätscherei ist
eine ärgere Feindin des Familienfriedens, als Verleumdung!
    Ich gestehe es, ich bin bekümmert, auch um das, was nicht ist, und
gleichwohl scheint. Der Ruf ist
