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    »Raubt er ihr denn alle Zeit zum Briefwechsel mit ihren Freunden? zur Übung
ihrer Talente? zum Genuss ihrer selbst?« fragte Frau von Willnangen.
    »Gottlob nein,« sprach Ernesto, »wenigstens nicht für jetzt, so lange die
Marotte vorhält, die er sich in den Kopf gesetzt hat, seinen Ehestand auf
englische Weise zu führen. Gabriele gewinnt dadurch unendlich an Freiheit, und
fühlt sich obendrein sehr glücklich, dass diese Art zu leben sie einer Menge
lästiger Vertraulichkeiten überhebt. So fällt es ihnen zum Beispiel gar nicht
ein, einander mit Du anzureden. Er nennt sie Madame oder Frau von Aarheim, sie
ihn Herr von Aarheim. Da er wie alle Nachahmer die englische Sitte karikirt, so
würde er es höchst unschicklich finden, wenn ein Fremder an ihrer Art mit
einander umzugehen merken könnte, dass sie ein verheiratetes Paar sind, und er
beeifert sich deshalb, besonders vor Leuten, einer oft höchst lächerlichen
formellen Höflichkeit gegen sie, die ihn immer drei Schritte von ihr entfernt
hält. Bei Tische steht sie nach englischem Gebrauch früher auf als er, um sich
in ihr Zimmer zu begeben. Er bleibt dann noch ein Stündchen allein sitzen,
knackt Nüsse auf, und da er kein Trinker ist, so lässt er seinen Wein vor sich
stehen und verrauchen; dabei langweilt er sich fürchterlich ohne es zu achten,
denn es geschieht à l'angloise. Durch diese Lebensweise gewinnt Gabriele den
größten Teil des Tages für sich, den sie in ihrem Zimmer bei gewohnten
Beschäftigungen zubringt, ohne dass es Herrn von Aarheim oft einfiele, sie durch
seine Gegenwart zu unterbrechen. Er ist zufrieden, wenn sie nur bei den
Mahlzeiten die Honneurs macht, mehr fordert man ja auch in England von keiner
Lady. Leider aber hat diese Nachahmung englischer Sitte uns auch um ihre
Gegenwart hier im Schloss gebracht. Moritz behauptet, ein neuvermähltes Paar
dürfe wohl gleich nach der Hochzeit auf Reisen gehen, was leider Gabrielens
Gesundheit nicht erlaubt hat, aber während der Flitterwochen sich in
Gesellschaft zu zeigen, wäre unschicklich, undelikat und gemein, und eigentlich
müsse er sich wundern, wie man ihm nur habe so etwas zumuten können. Ich glaube
aber der Ursache seiner Weigerung besser auf den Grund zu sehen, sie heißt
Eifersucht, Eifersucht ohne bestimmten Gegenstand, und deshalb um so
gefährlicher. Herr von Aarheim möchte alle Welt von Gabrielen entfernt halten,
eigentlich mehr aus Misstrauen in sich als in sie. Seine englischen Grundsätze,
welche dem Mädchen jede, der Frau keine gesellige Freiheit erlauben, kommen ihm
dabei trefflich zu statten. Vor jetzt schwebt indessen obendrein Adelberts Bild,
trotz der Narben und des lahmen Fußes ihm als das eines höchst gefährlichen
Nebenbuhlers vor. Unaufhörlich suchte er mich und
